Hohenschwangau
Das Beste kommt zum Schloss

Anstatt sich vernünftigerweise ein ruhiges Fleckchen zu suchen, verfolgt der Reporter einen verwegenen Plan. Er begibt sich an einen Ort, der in der Hochsaison das Gegenteil von Stille ist: Schloss Neuschwanstein. Eine Momentaufnahme.

Geparkt wird immer

Der Herr über unzählige Parkplätze ist morgens um viertel vor acht noch ein einsamer Mann. Die Touristen kommen erst in fünfzehn Minuten, Parkwächter Salvatore Puzzo hat also noch Zeit für einen kleinen Plausch. Seit vier Jahren steht der kleine Italiener hier unten in Hohenschwangau, kassiert 4,50 Euro, vergibt Stellplätze, weist ein. Geparkt wird immer. Wer das Schloss sehen will und mit dem Auto anreist, kommt an Salvatore Puzzo nicht vorbei. Auf rund 1200 schätzt Puzzo die Zahl der Autos, die hier an guten Tagen dicht an dicht stehen. Und Puzzo kennt auch die schlechten Launen derer, die nicht oder weniger zahlen, oder mit dem Wagen gleich ganz hoch zum Schloss fahren wollen. Was da hilft? «Freundlich sein, einen Spaß machen», sagt Salvatore Puzzo.

Rauf und runter

Rauf, runter, hoch und wieder zurück. Sechs Kutschen fahren die Touristen den Berg hinauf zum Schloss. Immer zwölf pro Fahrt. Es geht erst los, wenn jeder Platz besetzt ist. Nicht immer wollen das alle einsehen, möchten gleich los, nicht warten. Keine Zeit, nicht hier, nicht jetzt. Manche setzen sich auch in eine Kutsche, obwohl beim Kollegen vorne noch frei ist. Die werden wieder zurück geschickt. Es gibt schließlich Regeln. Die Rösser nehmens gelassen. Und traben ruhig vorbei an Bussen und Fußgängertruppen.

Wir und das Schloss

Neuschwanstein, weltberühmt, Ziel von jährlich 1,3 Millionen Menschen. Groß, mächtig und teilsaniert schluckt es die Massen. Beim Eintritt in den Schlosshof: Ungläubiger bis irritierter Blick, Kopf hoch zu den Türmen und Zinnen, es folgt in einer fließenden Bewegung die Digitalkamera. Foto, Kamera sinkt, lächeln. Abgang zur Führung. «Ist die Nummer 424 schon dran?» Nicht überraschend, aber in der Dimension doch beeindruckend: Die Fotografiererei hier. Im Gehen, auf den Knien, Kinder, Alte, Junge. Jeder gegen Jeden. Man fotografiert sich beim Fotografieren, bittet andere um eine Aufnahme, posiert, lächelt. Wir und das Schloss! Diese Lage, diese Aussicht. Ein Rausch. Für nicht wenige artet der Besuch geradezu in Stress aus, hat die nette Dame vom Souvenir-Shop festgestellt. «Die nehmen sich einfach keine Zeit im Urlaub.

» Was ist die häufigst gestellte Frage? «Haben Sie Tickets?» Dabei gibts die hier oben gar nicht. Unten im Ort haben sie dafür extra ein Ticket-Center gebaut.

Menschen in der Schlange

Dort, wo es die Karten fürs Schloss tatsächlich gibt, reicht die Schlange um kurz vor elf etwa 60 Meter weit. Ganz am Ende ein Paar aus Köln, vielleicht Mitte fünfzig. «Ich hatte 40 Jahre Zeit mich drauf einzustellen. Da nehm ich das in Kauf», sagt die Frau. Glück im Trubel. Für sie geht ein Traum in Erfüllung, ein Bild von Neuschwanstein hing schon im Kinderzimmer. Auch ein Rentnerpaar aus Göppingen steht an. Nein, der Rummel macht ihnen nichts aus. «Was wir sehen wollen, wollen andere auch sehen. Is doch klar», sagt er. An seinem Strohhut steckt ein Deutschlandfähnchen.

In der Schlange unzweifelhaft erkennbar: viele Japaner. Und hörbar: viele, viele Italiener. Modisch bewegt sich der Reigen zwischen Dolce&Gabbana (selten) und Trainingshosen (oft). Noch eine Erkenntnis: Die Herrenhandtasche, sie lebt!

Souvenirs, Souvenirs

Fabergé-Eier, Kuckucksuhren, Geldbörsen aus Leder-Imitat mit Edelweiß-Stickerei, Fahnen, Bierkrüge mit dem Konterfei von König Ludwig II., dazu eine unüberschaubare Zahl an Postern, Aufklebern, Bildern, Ansteckern, allesamt mit dem berühmten Schloss. Und was bitteschön geht von diesem Zierrat am besten? Es ist ein eher schlichter Gegenstand, sagen die Souvenirverkäufer. Die Touristen kaufen am allerliebsten: Postkarten.

Und Salvatore lacht

Am frühen Nachmittag; die Parkplätze sind voll. Salvatore Puzzo winkt, weist ein, scherzt mit einem Landsmann. Und lacht. Steht da. Ein kleiner freundlicher Mann in all diesem Gewimmel. Vielleicht schon ein Grund, diesen Ort zu mögen.

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