Waal
Dabeisein ist Ehrensache

«Vorsicht, rechts, da steht ein Podest». Die Warnung des Schriftgelehrten Anas kommt zu spät. Mit dem kleinen Zeh bin ich schon gegen die hölzerne Kiste gestoßen. Jetzt kratzt nicht nur das wollene graue Kostüm, auch der Fuß schmerzt. Selbst Statisten haben es nicht leicht bei der Waaler Passion. Als «Frau aus dem Volk» darf ich an diesem Sonntag einen Blick hinter die Kulissen werfen - und mich sogar auf die Bühne wagen in der «Königsdisziplin der christlichen Spiele», wie es Spielleiter Florian Werner nennt.

Recht dunkel ist es hinten auf der Bühne des Waaler Passionsspielhauses. Der Chor in seinen weißen Kutten macht sich bereit. Hastig nimmt einer der Sänger noch eine Uhr vom Handgelenk («das kostet sonst zwei Euro Strafe in die Theaterkasse»), dann tritt er zusammen mit den anderen vor den schweren grauen Vorhang und stimmt die Zuschauer auf die Passion ein.

Ein Pharisäer nimmt derweil hinter der Bühne auf einem schweren Thron Platz, Adam schleicht hinter dem Paradies umher, konzentriert sich auf seinen Auftritt. Gespannte Erwartung. Dann endlich: Bühnentechniker Hans Rothkegel drückt auf einen Knopf, der Vorhang hebt sich. Es kann losgehen. Erster Teil, Paradies.

Jeder weiß, was er zu tun hat

Während sich Eva und Adam verführen lassen und aus dem Paradies vertrieben werden, machen sich in den Garderoben und Gängen Dutzende weitere Mitspieler bereit: Kinder und Senioren, bärtige Männer und hübsche Frauen. Die erste Massenszene steht unmittelbar bevor: der Einzug Jesu in Jerusalem.

Jeder weiß ganz genau, wo er zu stehen hat, was er zu sagen hat und wie er sich zu bewegen hat. Ein letzter Blick in den Spiegel. Auch mein lila Kopftuch sitzt. Christa Assner nimmt mich an der Hand und mischt mich unauffällig unters Volk. «Hosianna, hosianna». Meine Sprechrolle ist beschränkt.

Kurz zuvor hat Spielleiter Florian Werner draußen vor dem Theater seine Spieler nochmals um sich geschart, hält eine seiner wenigen Ansprachen während der langen, viermonatigen Spielzeit. Werner lässt die Waaler «an der langen Leine», gibt ihnen relativ viel Freiheit und Möglichkeiten, ihr ureigenes Wesen mit ins Spiel einzubringen.

«Sie wissen schon, worauf es ankommt», lobt Werner und zeigt sich «wirklich zufrieden» mit den rund 120 Laiendarstellern. Auf den langen Zeitraum gesehen, sei es jedoch wichtig, «die Spannung aufrecht zu halten» - und dazu dienten eben auch seine Ansprachen.

Für Cathrin (13) und ihre Freundin Julia (14) gibt es danach erst einmal ein Eis, ihre «Gage». Beide spielen bei den Volksszenen mit und haben sich nach einem Schnuppertag entschlossen, die Sonntage dieses Sommers der Passion zu «opfern». «Es macht Spaß. Außerdem treffen wir auch unsere Freunde», sagt Julia.

«Wenn man sich der Kirche und auch der Gemeinschaft verbunden fühlt, ist es eine Verpflichtung, eine Ehrensache, hier mitzumachen», bringen es Elfriede und Roman Wolf auf den Punkt. Beide singen im Chor und spielen im Volk. Auch die komplette Familie Kusterer steht Sonntag für Sonntag auf der Bühne des Waaler Passionstheaters: Vater Alban ebenso wie Tochter Carmen (6) und Sohn Jakob (9) im Volk, Mutter Beate gar als Maria. «Es macht uns einfach Spaß, hier dabei zu sein, es ist eine schöne Gemeinschaft», sagt sie.

Anne-Marie Barta bezeichnet die Waaler Passion als «ein Fieber, das alle paar Jahre ausbricht und das einen immer wieder packt». Seit 1961 spielt sie mit, verkörperte ebenfalls wie Beate Kusterer heute einst die Maria.

Unterdessen nehmen die Dinge auf der Bühne ihren Lauf. Das «Volk» formiert sich in den Gängen, betritt wieder die Bühne. Wo knapp drei Stunden vorher noch gejubelt wurde, ist die Stimmung nun gekippt. «Ans Kreuz mit ihm!» «Kreuzigt ihn!» Traurig dreinschauen soll ich. So, wie Thomas Hindinger als Jesus unter dem Kreuz scheinbar zusammenbricht, fällt das nicht allzu schwer - auch nicht bei der folgenden Kreuzigung.

Dann aber: der Höhepunkt der Aufführung, die Auferstehung und der Einzug ins Paradies.

Im Waaler Himmel angekommen

Gütig lächelnd steht Jesus oben auf der Himmelstreppe, nimmt jeden auf in sein Reich - egal ob Sünder, Soldat oder die einfache Frau im grauen Wollkleid aus dem Volk. «Gell, bei uns kommen Sie sogar in den Himmel», ruft mir danach ein Hohepriester feixend zu. Ein erhebendes Gefühl. Fürwahr - auch wenn der blaue Zeh mich wieder schnell auf den irdenen Boden der Tatsachen bringt.

Karten für den Zusatztermin am Sonntag, 11. Oktober, gibt es unter anderem beim Service-Center der Buchloer Zeitung, Bahnhofstraße 54.

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