Allgäu
«Dabei konnte ich als Kind kein Blut sehen»

Die Allgäuer Zeitung beleuchtet in einer Serie das Leben in Marktoberdorf und Umgebung rund um die Uhr - täglich für eine Stunde. Im letzten Teil haben wir von 23 Uhr bis Mitternacht die Rettungswache des BRK in Marktoberdorf besucht.

Marktoberdorf «Da haben Sie gerade Pech. Die sind unterwegs», lautet die Begrüßung von Robert Popp, Wachleiter der vom Bayerischen Roten Kreuz in Marktoberdorf betrieben Rettungswache. Dabei liegt bereits ein anstrengender Tag hinter den hauptamtlichen Rettungsassistenten. Acht Rettungseinsätze gab es bereits tagsüber, nun dauert gerade der dritte der zwölfstündigen Nachtschicht an. Eine Person mit Herzproblemen muss ins Klinikum Kaufbeuren gebracht werden.

Reanimation regelmäßig üben

Popp nutzt die Zeit für eine kurze Führung durch die Einsatzzentrale. Vor einem Computer liegt ein Stapel mit Zetteln. «Ist alles für die zentrale Abrechnungsstelle und muss noch eingegeben werden.

» Einen Raum weiter befindet sich das Auffüllmaterial für die Rettungswagen und eine Megacodepuppe. An ihr üben die Mitarbeiter mindestens einmal pro Monat eine Reanimation. «Das ist Pflicht und wird dokumentiert.»

Den dritten Raum - er ähnelt einem größeren Badezimmer - dominieren zwei Farben: «Rot ist der unreine Bereich, blau der reine», erklärt Popp. Der Raum dient der Desinfektion eingesetzter Geräte wie Schläuchen für eine Beatmung und auch Gesichtsmasken, wie sie die Dummys tragen, die jeder aus dem Erste-Hilfe-Kurs kennt. 19 sind es diesmal, die ordentlich sortiert auf ihren Einsatz bei der nächsten Breitenausbildung warten.

Fernseher oder Fachliteratur

Auch einen Ruheraum gibt es. Der wird jedoch nicht sehr häufig genutzt. «Je älter man wird, umso länger dauert es, bis der Kreislauf wieder in Schwung kommt. Wenn dann ein Einsatz kommt, ist man wie gerädert», beschreibt es der 47-jährige Lengenwanger aus eigener Erfahrung. Deshalb lege er sich nicht mehr hin, sondern verbringe die Nacht lieber im Aufenthaltsraum, der mit Küchenzeile, Kühlschrank, Kaffeemaschine, Fernseher und Fachliteratur ausstaffiert ist.

Dorthin kehren gegen 23.30 Uhr auch Rainer Schien und David Teise mit dem Notarzt von ihrem Einsatz zurück. Den Rettungswagen haben sie inzwischen wieder desinfiziert. So wie nach jedem Transport. Sie lassen sich aufs Sofa oder die Eckbank sinken. Wer weiß, was die Nacht noch bringen wird? Vielleicht werden sie wieder mit dem Tod oder anderen belastenden Situationen konfrontiert?

Manchmal gehts an die Nerven

Besonders, wenn die Patienten Kinder oder im Alter von Familienangehörigen sind, sei die psychische Anspannung gewaltig. «Dann sprechen wir ab und zu mit den Kollegen nach dem Einsatz darüber», sagt das Trio. Und Teise ergänzt: «Wir haben ein super Betriebsklima. Darauf sind wir stolz.» Dieser innerbetriebliche Rückhalt und der in den eigenen Familien helfe ungemein. Für ganz schwierige Einsätze gebe es auch professionelle Unterstützung. «Mir reicht es manchmal schon, wenn ich mich an den Elbsee setze und meine Ruhe habe», sagt Schien.

45 Arbeitsstunden pro Woche sieht der Zeitplan vor. Dazu zählen auch Schichten. «Die belasten gewaltig», wissen die Familienväter.

Trotzdem bereut niemand von ihnen den Schritt in den Beruf. Schien hatte zunächst Bäcker gelernt, Teise war Kaufmann im Groß- und Außenhandel. Noch heute amüsiert er sich, wenn er an seine Kindheit denkt: «Ich konnte kein Blut sehen. Mir ist immer schlecht geworden», lacht er.

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