Leere Plätze in der Corona-Krise
Colosseum-Kino in Kempten im Lockdown: "hart, aber aushaltbar"

Leere Sessel im Kemptener Colosseum-Kino im Corona-Lockdown: Geschäftsführerin Andrea Dietel-Sing
  • Leere Sessel im Kemptener Colosseum-Kino im Corona-Lockdown: Geschäftsführerin Andrea Dietel-Sing
  • Foto: Ralf Lienert
  • hochgeladen von Holger Mock

Kinos in der Corona-Krise: Für manche Filmtheater ist die Situation existenzbedrohend. Das Bayerische Staatsministerium für Digitales hat jetzt verkündet, dass Kinos in Kempten und im Oberallgäu über 166.000 Euro Kino-Anlaufhilfen bekommen werden. Hilft das? Und kommt die Hilfe auch rechtzeitig an? Ob das gut funktioniert, wollten wir von Andrea Dietel-Sing wissen, Geschäftsführerin des Collosseum-Kinos in Kempten. Bereits im November, zum Beginn des zweiten Lockdowns, hatte das Colosseum-Kino gegen die coronabedingte Schließung Klage beim Bundesverfassungsgericht eingereicht - und war gescheitert.

Lockdown-Unterstützung: Häppchenweise, aber die Unkosten sind gedeckt.

Im ganzen Monat November habe das Kino keine Fördermittel bekommen, die versprochene Novemberhilfe konnte erst zum 25. November beantragt werden, erklärt Dietel-Sing. Eine erste Abschlagszahlung auf die Novemberhilfe vom Bund in Höhe von 10.000 Euro gab es demnach im Dezember, dazu vom Freistaat Bayern eine Überbrückungshilfe und eine Förderung. Mit diesem Geld waren für das Colosseum-Kino zumindest die Unkosten für Dezember fast gedeckt.

Im Januar bekam das Kemptener Kino vom Bund eine zweite Abschlagszahlung für die Novemberhilfe, Ende Januar dann die Bewilligung für die Restsumme der Novemberhilfe, dazu die erste Abschlagszahlung für Dezember. "Auch die Unkosten für Januar sind somit gedeckt. Wir gehen davon aus, dass auch die Dezemberhilfe bewilligt wird", so Dietel-Sing.

"Wirrwarr" beim Bund: Fördergelder müssen über einen Steuerberater beantragt werden

Das Bayerische Staatsministerium für Digitales hat vergangene Woche angemahnt, dass es beim Bund "ein Wirrwarr verschiedener Hilfsprogramme" gebe, das schnell gelöst werden sollte. Notwendig sei, dass die zugesagten Gelder des Bundes für die Kinobranche jetzt ankommen, und zwar "schnell, unbürokratisch und effektiv."

Das "Wirrwarr" bekommt auch das Colosseum-Kino zu spüren. "Die Beantragung der unterschiedlichen Hilfen und Förderungen sind sehr kompliziert, deshalb lassen wir vom Kino Kempten alle über unsere Steuerberatungskanzlei abwickeln", erklärt die Geschäftsführerin gegenüber all-in.de. Bei den Hilfen vom Bund sei dies ohnehin Pflicht. Der Bund will im Nachgang die Voraussetzungen für die gezahlten Hilfen prüfen. "Man hat dadurch auch den Unsicherheitsfaktor, wann es zur Auszahlung kommt, denn es ist schwer einzuschätzen, wie lange die Überprüfung dauert."

Unsicherheit gibt es auch bei der Frage, was genau denn gefördert wird, was also das Kemptener Kino geltend machen kann. "Kann ich nur die Anschaffung des luftentkeimenden Hyla-Reinigungsgeräts geltend machen, oder auch die Lohnkosten der zusätzlichen Arbeitskraft, die dieses Gerät betätigt?", so eine der vielen Detail-Fragen, die sich Kinobetreiberin Dietel-Sing stellen.

Winter: normalerweise Hochsaison im Kino

Investitionen schiebt das Unternehmen momentan teilweise vor sich her. Umbauten, Erweiterungen, Aufrüstung der Tonanlage: "schwierig, da nie ganz sicher ist, ob man überhaupt unter das Förderprogramm fällt und wann die Fördermittel ausgezahlt werden." Gerade in der kalten Jahreszeit ergibt sich noch ein weiterer Nachteil durch den Lockdown. Im Herbst und Winter ist Hauptsaison bei den Kinos. Im Sommer geht kaum jemand ins Kino. Normalerweise ist jetzt also die Zeit, in der das Kino Rücklagen für die Sommermonate bildet - in diesem Winter nicht möglich.

Gesamtsituation: "hart, aber aushaltbar"

Dennoch blickt Dietel-Sing nicht ganz hoffnungslos in die Zukunft. "Die Gesamtsituation ist für unser Kino momentan hart, aber aushaltbar, da wir in der Vergangenheit gut gewirtschaftet haben und wir auch jetzt von unseren Kunden weiterhin unterstützt werden durch Popcornbestellungen und Gutscheinkauf", beschreibt sie die Stimmung in der Krise. Auch der Zuspruch helfe sehr, weiter zu machen.

Unterstützung seitens des Freistaats: teilweise gut

"Wir greifen unseren Filmtheatern unter die Arme", heißt es seitens des Ministeriums. Das bestätigt Dietel-Sing, zumindest teilweise. "Es ist kein normales Haushalten in einem Betrieb mehr möglich. Trotzdem sind die Unterstützungsmöglichkeiten wesentlich höher als in anderen Ländern. Positiv finden wir, dass wir im zweiten Lockdown über Hilfsprogramme vom Ministerium informiert wurden", erklärt sie. Die Maßnahmen selber seien allerdings unverständlich: "Bäder durften letzten Sommer vor uns öffnen und auch in diesem Lockdown waren wir die ersten, die schließen mussten, obwohl wir laut RKI zu den sichersten Einrichtungen gehören."

Hat sich die Klage im November gelohnt?

"Unsere Popularklage halte ich durchaus für sinnvoll", sagt Dietel-Sing. Ein Urteil steht noch aus, nämlich die Frage, ob die Schließung von Unternehmen verhältnismäßig ist, deren harte Auflagen dazu geführt hatten,
dass kein einziger Corona-Vorfall vorkam. "Wahrscheinlich werden wir das Urteil nach der Wiedereröffnung der Kinos bekommen. Trotzdem ist es ein Instrument, um zu zeigen, dass man mit bestimmten Maßnahmen nicht einverstanden ist."

Lieferservice: "Batman" liefert Kinoprodukte aus

Was dem Kemptener Kino momentan bleibt, ist ein Lieferservice für Kinoprodukte, angeboten über die Webseite. Auch da zeigt sich, dass Kreativität durchaus verkaufsfördernd sein kann: Der Kino-Lieferservice liefert in Verkleidung, zum Beispiel als Hase, als Batman oder als Brokkoli. "Der Lieferservice wird sehr gut angenommen, seit wir verkleidet ausliefern. Die Kinder freuen sich über die Verkleidung. Sie lachen, tanzen um einen herum und haben ein besonderes Erlebnis. Viele Eltern überraschen ihre Kinder mit der Bestellung."

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