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Mediziner erkennt Zunahme von Pseudo-Kranken
Burn-out-Syndrom - Patienten täuschen um System auszubeuten

Immer mehr Patienten täuschen in Deutschland psychische Erkrankungen vor, um früher in Rente gehen oder unberechtigterweise Krankengeld kassieren zu können, behauptet der Ärztliche Direktor der Panorama-Fachkliniken Scheidegg, Dr. Christian Dogs. 'Das System wird wie selbstverständlich ausgebeutet', sagt der Arzt. Besonders bei einem Krankheitsbild wie dem Burn-out-Syndrom gebe es viele Pseudo-Patienten, erläuterte Dogs anlässlich eines Besuchs von Staatssekretärin Melanie Huml (Umwelt und Gesundheit) in den Scheidegger Fachkliniken für Psychosomatik. Sie sagen, es sei regelrecht in Mode gekommen an einem Burn-out-Syndrom zu erkranken. Mit dieser Aussage machen Sie sich vermutlich wenig Freunde

Dogs: Es ist fraglos so, dass die Belastungen unserer heutigen Gesellschaft zu einer Zunahme der psychischen Erkrankungen führen. In der Klinik stellen wir jedoch fest, dass zunehmend Patienten mit dieser Diagnose kommen, die vor etwa zwei Jahren noch gar nicht zur Einweisung gelangten. In den Medien wurden die psychischen Erkrankungen in jüngster Zeit immer wieder diskutiert. Das hat viele Menschen sensibilisiert, auf Ihre Psyche zu achten, aber auch schon kleinste Symptome zu deuten. Und im Internet kann man auf verschiedensten Portalen sehr schnell feststellen, dass man ausreichend Kriterien erfüllt, um behandlungsbedürftig zu sein.

Welche Folgen hat diese Entwicklung?

Dogs: Früher waren psychische Erkrankungen stigmatisiert. Heute sind sie salonfähig und werden zu einer ernsthaften Belastung der Volkswirtschaft und der Krankenkassen. Hinzu kommt, dass auch die Fachwelt immer wieder neue Diagnosen kreiert, die als behandlungsbedürftig dargestellt werde. Zum Beispiel die Verbitterungsstörung für Menschen aus der ehemaligen DDR, die vom Westen enttäuscht wurden, es gibt die Spielsucht, die Sexsucht oder neuerdings auch die ängstliche Blase, die so genannte Panuresis. Es gibt einen Trend zu einer geradezu unendlichen Ausweitung der Behandlungsindikationen. Diagnosekriterien werden nach unten geschoben, weswegen Menschen mit einer leichten Symptomatik krank diagnostiziert werden.

Es kommen Menschen zur Behandlung, die gar nicht krank sind?

Dogs: Wir erkennen in der Klinik, dass psychisch Kranksein so attraktiv sein kann, dass Symptome absichtlich übertrieben werden. Es gibt Patienten, die ein Pseudo- Burn-out kreieren, um die Vorteile des Krankseins zu erleben. Anreize gibt es viele: Frühverrentung, manche wollen sich in den wunderschön gelegenen Kliniken erholen, andere kommen, weil das Krankengeld höher ist als das Arbeitslosengeld. Es findet mit einer erschreckenden Selbstverständlichkeit eine Ausbeutung des Systems statt. Insofern ist es höchste Zeit, im Sinne der wirklich schwer Erkrankten die Spreu vom Weizen zu trennen und einen Missbrauch zu verhindern.

Aber wie wollen Sie das Problem dann lösen?

Dogs: Meiner Ansicht nach haben wir in Bayern ausreichend Betten für die Versorgung der psychosomatisch Kranken. Wir müssen aber viel stärker differenzieren, wer wirklich behandlungsbedürftig ist und wer nur den Erholungseffekt einer Auszeit nutzen will. Außerdem ist die Verweildauer in vielen Kliniken noch zu hoch. Ich plädiere allgemein für die Einführung von Fallpauschalen, wie wir sie in der Panorama- Klinik schon seit 2003 haben. Dies führt zu einer geringeren Verweildauer, einer deutlichen Kostenersparnis bei guten Behandlungseffekten. Für den stationären wie ambulanten Bereich sollte man Behandlungskorridore entwickeln, die es attraktiv machen, kurz und effektiv zu behandeln. Und schließlich darf das Krankengeld nicht höher sein als das Arbeitslosengeld, damit der Reiz des Krankmachens wegfällt.

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