Weiler
Brecht und Rilke verjazzt

Wenn Wolfgang Lackerschmid und Stefanie Schlesinger ein Konzert geben, entsteht das Programm zum Teil spontan, aus der Stimmung heraus. Die Stimmung im Kornhaus Weiler muss den Musikern aus Augsburg recht angenehm gewesen sein - das grandiose Jazz-Duo gestaltete vor rund 70 Gästen mit Vibraphon und Gesang einen anregenden und genussvollen Abend.

Das (Ehe-) Paar Schlesinger/Lackerschmid ist wunderbar aufeinander eingespielt. Wie fruchtbar ihre jahrelange musikalische Zusammenarbeit ist, wird besonders deutlich an zwei vertonten Gedichten, die das gleiche Thema behandeln. Wolfgang Lackerschmid hat das «Plärrer-Lied» von Bert Brecht in einen Dreivierteltakt verpackt. Als Walzer lässt er die ewig runde, leicht eiernde Karussell-Bewegung ablaufen. Mit ein wenig Jahrmarkts-Zauber und ein bisschen Vergeblichkeit untermalt Lackerschmid die Brecht'sche Lyrik. Und Stefanie Schlesinger nutzt die dunklen Seiten ihrer ansonsten jugendlich-hellen Stimme, um die Melancholie zu unterstreichen.

Bezauberndes Lied

Aus Rainer Maria Rilkes «Das Karussell» hat wiederum Stefanie Schlesinger ein bezauberndes Lied gemacht. Sie wählt einen Viervierteltakt, um die Rastlosigkeit der Karussell-Figuren spürbar zu machen, vielleicht sogar eine Sinnlosigkeit in diesem laut Rilke «atemlosen, blinden Spiel» zu beschreiben.

Stefanie Schlesinger, die einst klassischen Gesang studierte und sich in diesem Genre nach eigenen Worten «irgendwann nicht mehr so daheim fühlte», erzeugt beim Singen Intensität nicht in erster Linie durch das Volumen ihrer Stimme. Die stärksten Momente entstehen, wenn sie sich zurücknimmt, einen Ton immer schlanker werden lässt und gleichzeitig mit schöner Artikulation und stabilem Klang höchste Präsenz entwickelt.

Wenn auch Schlesinger an diesem Abend wiederholt beim Scatten die Beweglichkeit ihrer Stimme beweist, so stellt sich doch vor allem Wolfgang Lackerschmid als Meister der Improvisation vor. Der einerseits routinierte, andererseits noch immer verspielte Vibraphonist, der mit Größen wie Chet Baker zusammengespielt hat, verliert sich in faszinierenden Solopassagen voller Virtuosität und Witz.

Dann wieder webt er mit seinen vier Schlägeln farbenfrohe Klangteppiche in komplizierten Mustern - und gestaltet sie so leicht und luftig, dass die Sängerin Schlesinger alle Möglichkeiten der fantasievollen Ausgestaltung erhält und auch nutzt.

Einfallsreiche Interpretationen

Lackerschmid und Schlesinger bieten ihrem Publikum im Kornhaus auch einige bekannte Stücke und Jazz-Standards, etwa «Cheek to Cheek» von Irving Berlin, oder auch «Calling you» aus dem Film «Out of Rosenheim». Ihre einfallsreichen Interpretationen der populären Melodien lassen keine Wünsche offen.

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