Klavier-Kabarett
Bodo Wartke erntet in der Stadthalle für seine Achillesverse Applaus im Stehen

Sein erster Besuch in Memmingen schlug ein wie eine (Stimmungs-)Bombe: Die 700 Besucher feierten das Programm 'Achillesverse' des 'Klavier-Kabarettisten' Bodo Wartke in der Memminger Stadthalle mit Ovationen im Stehen.

Der nicht nur studierte, sondern auch begnadete Klaviateur Wartke ist ein Meister kapriziöser Wortspiele und halsbrecherischer Reime. Er besingt nicht nur alle selbsterprobten Spielarten der Liebe in Dur und Moll, sondern ordnet seine schwarzweißen 'Fallbeispiele' auch gleich in verschiedene Kategorien ein. Das so trainierte Publikum weiß schließlich schon beim ersten Akkord, um welche Kategorie es sich handelt ('ich und du' oder 'ich aber du') – und lernt, dass wütende Abgesänge auf die Entflossene ('Du Schlampe!') zwingend Moll erfordern.

Eloquenter Mittdreißiger

Aber wer sich nun in dem Wahlberliner Wartke einen verkappten Pädagogen vorstellt, liegt völlig daneben: Der eloquente Mittdreißiger, der auf den ersten Blick so brav und harmlos wirkt, hat den Schalk gepachtet, und es ist jedes Mal ein unwiderstehliches Erlebnis, wenn sein verschmitzter Charme mimisch und tonal die nordische Korrektheit durchbricht – wie seine leuchtfarbenen Hemden die dunkle Weste. So erfährt der schon sehr bald hingerissene Zuschauer, dass die Tochter des Schönheitschirurgen, die ihre Abnäher im Fleisch statt in den Kleidern trägt, eigentlich Klaus heißt und erfährt vom Dilemma eines 'unsterblich verliebten' Vampirs, dessen Angebetete sich nach dem ersten Biss anderen an den Hals wirft.

Um gruselig-blutige Absichten geht es auch unter dem trügerischen Titel 'Ja, Schatz!' Auch hier ist der Ausgang tragisch: Der von Verstümmelung seiner Megäre träumende Gatte darf schließlich nur Holz hacken. Neben solchen 'autobiographischen Liebesliedern, gern auf Hochzeiten gesungen', gibt es auch richtig poetische Songs und dichterische Betrachtungen wie 'Vieles von dem, was ich tagtäglich erlebe, reimt sich gar nicht'. Doch auch aus Ungereimtheiten und Sinnwüsten, ja sogar aus solchen Banalitäten wie dem Toilettengang in der Pause, zieht Wartke reichlich Text zu Rhythmen von Rock 'n’ Roll bis zum Ländler, fährt genüsslich Fress-dich-Reime über laichende Lurche und lässige En-passent-Pointen auf.

Flotter Dreiecks-Thriller

Bei Wartke ist eben nichts so, wie er die neue deutsche Architektur beschreibt: billig, beliebig und banal. So wird aus einer Reminiszenz an Schiller ein flotter Dreiecks-Thriller und Songs wie der gegen den radikalen Apple-Fundamentalismus 'Believe in Steve' ('Es kann nur einen geben!') sind so zündend, dass das Publikum noch drei Zugaben verlangt.

Für das 'benutzerdefinierte Liebeslied' produziert er mit Chicken-Shakes in den Socken und einer Cajon als Klavierhocker einen Latino-Bandsound.

Letzter Höhepunkt war ein multikulturelles Liebeslied, das der 'zweisprachig aufgewachsene Sohn eines katholischen Priesters' in 88 Sprachen und Dialekten beherrscht und so jeden Publikumswunsch von Mandarin bis Latein erfüllen konnte. 'Alter Schwede!'

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