Dunkelcafé
Blinden- und Sehbehindertenbund serviert Sehenden Kuchen im Finstern

Ein letzter Blick in die Gesichter der anderen Cafébesucher. Zögerlich greifen die Hände nach oben. Die Brille auf die Augen und – schwarz. Kein Licht, keine Farbe. Es ist vollkommen dunkel. 'Eine Hand auf die Schulter des Vordermanns', sagt Maria-Luise Schiegg und führt die erste Sechsergruppe in den für heute in ein Dunkelcafé umgebauten Seminarraum der Hochschule Kempten. Schweigend setzen die ersten Sechs vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Die freie Hand tastet suchend nach etwas Greifbarem. 'Auf Ihrer rechten Seite befinden sich die Stühle', sagt Schiegg. Sofort löst sich die Hand von der Schulter des Vordermanns und greift nach der Stuhllehne. Schnell hinsetzen. 'Bitte nicht auf den Tisch greifen, vor Ihnen stehen bereits die Kuchen', tönt die Stimme Schieggs aus dem hinteren Bereich des Raumes.

Das Dunkelcafé war gestern Teil des Rahmenprogramms der Fachtagung 'Design for all' an der Hochschule Kempten, bei der, wie berichtet, barrierefreies Bauen mit ästhetischem Anspruch im Mittelpunkt steht.

'Damit die Leute einen Einblick haben, wie es ist, nicht die Augen zur Wahrnehmung hinzuziehen zu können', erklärt Angelika Mann die Intention des Zusatzangebots. Sie und Schiegg sind Beraterinnen beim Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund. Sie beide sind blind.

Eine Gruppe nach der anderen wird in den abgedunkelten Raum geführt. 'Annika, wo sitzt du?', ruft eine Frauenstimme von links. Gekicher am anderen Ende. Alle 24 Teilnehmer haben ihren Platz gefunden. Die Tür ist zu – die Brillen können abgenommen werden. Angelika Manns Stimme geht in der zunehmenden Geräuschkulisse unter. 'Pssst', raunzt es von allen Seiten. 'Auf zwölf Uhr befindet sich vor jedem von Ihnen eine Wasserflasche, auf ein Uhr ein Glas', erklärt sie.

Die krampfhafte Suche der Augen ist vergeblich. Die Finger ertasten rechts vom Teller Stoff. Das muss die Serviette sein. Darauf liegt etwas Hartes, Kühles – die Gabel. Weiter in Richtung Tischmitte, aha, das Glas. Die andere Hand ist auf etwas Saftig-Weiches gestoßen. Das muss wohl der Kuchen sein. Dass auch die anderen nichts sehen können beruhigt. Der Teller muss durch das wilde Stochern einem Schlachtfeld gleichen. Und bei jeder Gabel die Überraschung: Wenigstens ein Krümel?

Aufgegessen. Schiegg macht die Tür einen Spalt auf. Licht. 'Der Raum ist viel kleiner, als ich ihn mir vorgestellt habe', ruft eine Teilnehmerinnen in die Runde. 'Ich hätte noch eine Stunde gebraucht', sagt Sebastian Kunze, auf dessen Teller noch ein Viertel Stück Himbeerkuchen liegt.

Seine Mitschülerin Lisa Bleicher von der Memminger Fachschule für Heilerziehungspflege empfand wie er das Essen im Dunkeln schwieriger als das Trinken. 'Ich habe lange gebraucht, um zu schmecken, dass ich einen Käsekuchen hatte', sagt die 22-Jährige. Angelika Mann weiß, dass es Sehende oft fasziniert, im Dunkeln zu essen. Für sie ist es Alltag.

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