Allgäu
Bergwald stirbt schleichend weiter

Ganze Baumbestände sind kahl. Der Wald stirbt. Das ist in den 1980er Jahren unübersehbar. Heute ist das anders. Der Klimawandel bedroht den Forst schleichender, komplexer. Auch viele Strategien dagegen zeigen erst nach Jahren Wirkung. Das erfordert Weitblick. Doch der fehlt oft. Sagt Daniel Freuding, Projektmanager der Bergwaldoffensive (siehe Infokasten). Wir sprachen mit dem Forstingenieur über seine Arbeit.

Vor etwa einem Jahr wurde die Bergwaldoffensive im Allgäu vorgestellt. Welche Schwierigkeiten gab es seither?

Freuding: Ein Problem ist, dass man die Ergebnisse forstlicher Arbeit oft erst in 100, 200 Jahren sieht. Das erschwert es in unserer schnelllebigen Zeit, ihren Sinn zu vermitteln. Dazu kommt, dass der durchschnittliche Allgäuer Waldbesitzer gerade mal ein Hektar Forst hat. Wir müssen also tausende Menschen motivieren. Und viele von ihnen klappen schon beim Wort Klimawandel die Ohren zu.

Woran liegt das?

Freuding: Der Begriff ist abstrakt und in unseren Wäldern sind die Auswirkungen noch kaum sichtbar. Deshalb zeigen wir inzwischen Bilder aus Mittelfranken. Dort frisst der Borkenkäfer bereits ganze Fichtenwälder kahl.

Droht das auch im Allgäu?

Freuding: Durch den Klimawandel wird es tendenziell wärmer. Das verändert die Witterung im Alpenraum: Die Winter beginnen erst ab Mitte Januar und dauern bis April, Mai. Dazu kommen mehr Niederschläge, durch die Hochwasser, Muren und Lawinen drohen. Die Sommer werden lang mit heißen Trockenphasen.

Ideales Wetter für Borkenkäfer also

Freuding: Ja, und die befallen besonders von der Hitze geschwächte Fichten. Unsere Wälder bestehen zu rund 80 Prozent aus Fichten und der aufgeheizte Boden bringt die Flachwurzler in Trockenstress. Dadurch verändern sich ihr Stoffwechsel und ihr Geruch. Das merken Borkenkäfer. Auch droht mehr Windwurf durch die Zunahme von Stürmen.

Wären Lawinenverbauungen ein denkbarer Ersatz für den Schutzwald?

Freuding: Zum Teil ja. Sollte es aber nötig werden, den Schutzwald komplett damit zu ersetzen, würde das den Staat allein für das Oberallgäu 3,5 Milliarden Euro kosten.

Wie aber rettet man nun die Bergwälder?

Freuding: Wir wollen Laub- und Nadelhölzer wieder mehr mischen. Am geeignetsten etwa ist eine 50 : 50-Mischung aus Nadel- und Laubholz, wobei wir beim Nadelholz neben Fichten auch Tannen für den Schutzwald benötigen. Diese immergrünen Baumarten gewährleisten einen stabilen Schneedeckenaufbau im Winter und bieten einen natürlichen und kostengünstigen Lawinenschutz. Mit zunehmender Höhe nimmt der Nadelholzanteil zu und bildet schließlich die Baumgrenze.

Die Devise lautet demnach zurück zum naturnahen Wald?

Freuding: Ja, denn der ist auch am wirtschaftlichsten. Ein Fichtenbestand braucht zum Beispiel in jungen Jahren viel Pflege. Das kostet Geld. Dazu kommt eine höheres Risiko durch Stürme und Käfer. Waldbesitzer sagen zwar oft, Laubwälder seien nichts wert. Aber das stimmt nicht, besonders jetzt, da der Brennholzpreis hoch ist. Außerdem ändern sich Trends in der Möbelindustrie und darauf kann schneller reagieren, wer verschiedene Baumarten hat.

Und welche konkreten Maßnahmen laufen nun bei der Bergwaldoffensive?

Freuding: Wir haben Infoabende veranstaltet, planen Forstarbeiten und sammeln Ideen von Waldbesitzern. Dann stimmen wir mit Vertretern von Alpwirtschaft, Naturschutz, Kommunalverwaltungen sowie Jägern, Förstern und Waldbesitzern ab, wie wir das Geld einsetzen.

Ist bereits Geld geflossen?

Freuding: Ja, zur Verbesserung der Rahmenbedingungen. Wir haben zum Beispiel für einige Waldbesitzer die genauen Grenzen ihres Waldes festgestellt. Damit jeder die Summe erhält, die ihm nach einer Sammeldurchforstung zusteht. Außerdem haben wir in forstbetrieblichen Planungen Alter und Art von Baumbeständen erfasst und geben Tipps, wie damit gearbeitet werden kann.

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