Meckatz
«Bei diesem Preis kann und will ich nicht Bauer sein - und deshalb ist der Tank auf»

Was vor einem Jahr niemand gedacht hätte, ist jetzt eingetreten: Noch einmal stehen die Westallgäuer Bauern vor der Entscheidung, «die Milch daheim zu lassen», wie sie es formulieren. Sie also großteils wegzuschütten und damit auf ihre ohnehin schon mageren Einkünfte zu verzichten. Die ruinösen Milchpreise haben zu Ohnmachtsgefühl und Frustration im bäuerlichen Berufsstand geführt. Und auch unter den etwa 100 Bauern, die zum Informationsaustausch im Meckatzer Bräustüble am Dienstagabend zusammengekommen sind, will sich die kämpferische Aufbruchstimmung nicht so recht einstellen, die beim ersten Milchstreik vor einem Jahr herrschte. «Jeder wartet auf einen Startschuss», sagt Armin Eugler vom Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM). Diesen kann der BDM aber nicht geben - nach einem Urteil im Kartellverfahren darf der Verband keinen Milchstreik ausrufen. Immer wieder betont Eugler, es sei die Entscheidung jedes Einzelnen, ob er «diesen europäischen Bauernaufstand unterstützt oder nicht». Jeder Einzelne aber fürchtet, das Opfer für eine viel zu kleine Bewegung zu bringen, die kaum Wirkung erzielt.

Weit weg vom Westallgäu ist ein Startschuss für den zweiten Streik der Milchbauern sehr wohl gefallen, in Frankreich nämlich. Dort lassen schon seit Tagen Landwirte die Milch in den Abfluss laufen. Über das Ausmaß des Streiks kursieren unterschiedliche Zahlen, gut die Hälfte der Bauern sei dabei, heißt es. Für die deutschen Kollegen geht es mit einem Streik um zweierlei: Solidarität mit den Franzosen auszudrücken und die Aktion auf ganz Europa auszuweiten, um sie wirksamer zu machen.

Weil es aber keinen offiziellen Aufruf geben darf, melden sich in Meckatz Einzelne zu Wort: «Ich schütte seit heute Abend die Milch weg», sagt Sylvia Weber aus Zwiesele (Heimenkirch), eine der ganz wenigen Bäuerinnen im Saal. Martin Rädler aus Stiefenhofen berichtet, dass alle sechs BDM-Vertretreter seiner Gemeinde beim Streik mitmachen.

Freilich gibt es auch Vorbehalte: «Warum sollen wir schon wieder anfangen?» fragt ein Versammlungsteilnehmer in Meckatz und verweist auf Großbetriebe im Norden der Republik, die jeder Einzeln so viele Kühe im Stall hätten, wie alle Bauern der Gemeinde Hergatz zusammen.

Franzosen fordern Solidarität

Matthias Schütz aus Scheidegg verliest ein Schreiben der französischen Bauern, in dem diese ihre Schuld am Scheitern des ersten Milchstreiks eingestehen. Mit einigem Pathos appellieren die Franzosen dennoch an die Solidarität der Kollegen: «Ihr seid es, die die Schlüssel für einen Erfolg in Händen halten - für ein Europa der wahren Bauern.» Der Scheidegger Biobauer und BDM-Vertreter Schütz erklärt: «Auch ich werde heute zu nichts aufrufen. Aber ich habe entschieden, ich muss jetzt dabei sein. Sonst geht es den Franzosen wie uns vor einem Jahr.»

Angespannt wird die Atmosphäre, als Richard Frick aus Schwarzenberg (Hergatz) «von offizieller Seite» die Haltung des Bauernverbandes hören will. Er meint damit Elmar Karg, den stellvertretenden Kreisbauernobmann. Karg erklärt, er könne nur für sich sprechen. «Und ich persönlich kann nicht mitmachen.» Er habe aber allen Respekt vor jedem, der sich anschließe. Das BBV-Kreisteam sei sich außerdem einig, «jede Aktion zu unterstützen, die möglich ist.» Franz Willi aus Maria-Thann entgegnet Karg, auch er könne sich den Streik finanziell nicht leisten. «Aber bei diesem Preis kann und will ich nicht Bauer bleiben. Drum ist der Tank auf.» Und er fügt an: «Wenn das jetzt in die Hose geht, ist alles vorbei.»

Dass bei einem Streik jeder Einzelne zählt, ist den Anwesenden bewusst. Und dass ein Streik noch nie so billig war. Das gilt vor allem für diejenigen, die zur Zeit mit einem Auszahlungspreis von 23 Cent abgespeist werden. Kleinere Genossenschaftssennereien oder auch die Lindenberger Käserei Baldauf bezahlen noch mehr - bis zu 35 Cent.

Mal schauen, was die anderen tun

Die ausgelegten Formulare, mit denen die Landwirte ihre Molkereien über ihre Streikteilnahme informieren können, sind nach der über dreistündigen Versammlung schnell vergriffen. Was nicht heißt, dass alle sofort den Lieferboykott beginnen. Das müssten sie sich noch überlegen, mit der Familie besprechen - und «mal schauen, was die anderen in den nächsten Tagen tun», so die Äußerungen einiger. Andere beschließen, schon tags darauf «den Hahn aufzumachen», also die Milch wegzuschütten.

Ein Informationsstammtisch zum Milchstreik findet heute um 20 Uhr im Gasthaus «Adler» in Schönau statt.

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