Marktoberdorf
«Begegnung ist unser Hauptwort»

Singen ist wieder «in». Virtuos-witzige A-Cappella-Gruppen wie die Wise Guys oder Basta tragen dazu ebenso bei wie Kino-Hits («Wie im Himmel», «Die Kinder des Monsieur Mathieu»). Und eine Entwicklung freut Dolf Rabus besonders. «Das deutsche Volkslied spielt bei uns wieder eine Rolle», sagt der 63-jährige Leiter des Internationalen Kammerchor-Wettbewerbs Marktoberdorf. Unter dem Motto «Yes we sing!» (Barack Obama lässt grüßen!) messen sich vom 29. Mai bis 3. Juni 13 Ensembles aus zehn Ländern.

Es ist zwar erst der elfte Wettbewerb, dennoch wird ein wenig gefeiert. Denn seit 1989 trifft in Marktoberdorf die Weltelite der Kammerchöre im Zwei-Jahres-Turnus aufeinander. 20 Jahre Kammerchor-Wettbewerb, das sind laut Rabus 187 Chöre, 5198 Teilnehmer und rund 100000 Zuhörer. Klar, dass da beim Gründer und Leiter des Wettbewerbs viele Erinnerungen hochkommen.

«Tor des Ostens»

«Am Anfang waren wir das Tor des Ostens», erzählt Dolf Rabus. Beim ersten Wettbewerb stand die Mauer noch. Und in der Folgezeit kamen viele Chöre aus dem damaligen Ostblock nach Marktoberdorf. Im ernsten Programmbuch gab es viele russische Texte, erinnert sich Rabus.

Beim zweiten Festival 1991 habe ein parteihöriger Begleiter die Mitglieder eines Frauenchors aus Tallinn (Estland gehörte damals noch zur Sowjetunion) abends im Bus eingesperrt, während die anderen Wettbewerbsteilnehmer im Festzelt feierten. «Wir haben den Busfahrer mit einem Kasten Bier bestochen, und so durften die Sängerinnen doch noch mit uns feiern», sagt Rabus, lacht und runzelt gleich darauf die Stirn: «Wir haben Glück gehabt, dass keine geflohen ist.»

Die Idee für einen hochkarätigen Kammerchor-Wettbewerb kam Rabus, als er 1985 das Festival Europa Cantat in Straßburg besuchte. Nicht nur die sängerischen Leistungen, sondern vor allem auch die Begegnungen der unterschiedlichen Kulturen begeisterte ihn.

Unterbringung bei Gasteltern

«Begegnung ist unser Hauptwort», sagt Rabus. Gerade dieser kommunikative Aspekt, der Austausch auf fachlicher und menschlicher Ebene ist dem Wettbewerbsleiter wichtig. «Wir fordern die Chöre auch auf, sich gegenseitig zuzuhören», sagt er. Auch die Begegnung mit der Bevölkerung sei wichtig. So hätten sich heuer wieder 43 Marktoberdorfer Familien bereiterklärt, Sänger aufzunehmen, freut sich Rabus. Gut möglich, dass sich daraus wieder intensive Beziehungen ergeben. «Durch unseren Kammerchor-Wettbewerb sind sogar einige Ehen zustande gekommen», sagt Geschäftsführerin Brigitte Riskowski.

Jugend hat Premiere

13 Ensembles - darunter erstmals auch gemischte Jugendchöre - haben diesmal die begehrte Zulassung zum Wettbewerb erhalten, der sich aber zunehmend größerer Konkurrenz erwehren muss. «Die Szene hat sich gewandelt, es gibt immer mehr Wettbewerbe», sagt Rabus. Hintergrund sei, dass bei einem Wettbewerb die eingeladenen Chöre keine Gagen erhalten - im Gegensatz zu Festivals. Dennoch. Ein Wettbewerb ist alles andere als billig. So verfügt der Marktoberdorfer Kammerchor-Wettbewerb über einen Etat von rund 300000 Euro. Haupteinnahmequellen sind öffentliche Zuschüsse, Sponsorengelder, Spenden und Eintrittsgelder. Doch ohne die tatkräftige Unterstützung vieler ehrenamtlicher Helfer sei das Ganze dennoch nicht zu stemmen.

Authentische Interpretationen

Eine stetige Qualitätssteigerung bei den Chören hat Rabus in all den Jahren festgestellt, ebenso einen Wandel im Singstil. «Authentische Interpretationen sind heute wichtig, die historische Komponente spielt eine größere Rolle.» Früher hätten amerikanische Chöre etwa immer mit viel Vibrato gesungen. «Das geht heute nicht mehr.» Zudem würden Originaltexte gesungen. «Die Chöre müssen in verschiedenen Sprachen fit sein.»

Und was ist für den Profi das Besondere am Chorsingen? «Das Gruppenerlebnis», sagt Rabus, «und dass in der Gemeinschaft auch eine schlechte Stimme in der Summe des Chores aufgehen kann.»

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