Kaufbeuren
Ausgespielt, abgelaufen und belächelt

Es ist Samstagnachmittag, Punkt 15 Uhr, als ich mich topfit und bis in die Haarspitzen motiviert im Kaufbeurer Parkstadion einfinde. Vor zwei Tagen hatten mich meine geschätzten Kollegen auserwählt, die AZ beim Bayern 3-Frühaufdreher-Kick gegen die Frauenmannschaft des FC Bayern München - ihres Zeichens amtierender Deutscher Vizemeister - zu vertreten.

In der kleinen Kabine erfolgt das erste Zusammentreffen mit den Mannschaftskollegen: zwölf Bayern 3-Hörer und eine Handvoll Mitarbeiter des Senders. Als Letzter erscheint unser Hoffnungsträger: Paul Breitner, braun gebrannt und im modischen, apfelgrünen Polo-Shirt. Schnell macht er klar, wer hier der Chef ist. In wenigen Sätzen erkundigt sich der Weltmeister von 1974 nach der sportlichen Vita der anwesenden Spieler, innerhalb weniger Sekunden hat er in seiner bekannten, bestimmenden Art die Aufstellung festgesetzt. Der Mann ist der geborene Leitwolf.

Elf Freunde müsst ihr sein

Ansonsten bin ich knapp 30 Minuten vor dem Anpfiff jedoch alles andere als optimistisch. Beim Warmschießen gehen acht von zehn Bällen unserer Mannschaft (mich nicht ausgenommen) in den wolkenverhangenen Ostallgäuer Juli-Himmel. Kurz vor Spielbeginn kehren wir nochmals in die Kabine zurück, die Spannung steigt. Paul Breitner erhebt sich und hält eine kurze Ansprache ganz nach dem Motto «Elf Freunde müsst ihr sein». Seine Ansage: «Spielt einfach, spielt zusammen.» Frühaufdreher Marcus Fahn kreiert auf die Schnelle noch einen Schlachtruf: «Zickezacke, Zickezacke, Bay-ern-drei!» Nur wenig später ertönt der Pfiff von Schiedsrichter Franz Xaver Wack. Es geht los.

Im Kabinengang erfolgt das erste Aufeinandertreffen mit den Bayern-Mädels. Kaum eine der Damen geht mir bis zur Brust. Argwöhnisch mustert man sich. Aus ihrer Kabine schallt der Song «Eye of the Tiger» - die Frauen scheinen es ernst zu nehmen.

Nach der Mannschaftsbegrüßung durch Kommentator Günther Koch und die rund 1500 anwesenden Zuschauer im Parkstadion nehme ich erst einmal auf der Ersatzbank Platz. Sicher ist sicher. Ziemlich bald nach dem Anpfiff wird mir klar: Wir sind in allen Belangen hoffnungslos unterlegen. Die Mädels sind spritziger, wendiger und schneller, machen jedoch aus ihren Chancen nichts. Mit einem ordentlichen 1:2-Rückstand beenden wir die erste Hälfte.

Bloß nicht blamieren

In der Halbzeitpause lege ich mir meine Taktik für meinen bevorstehenden Einsatz zurecht: Ein bisschen schonendes Herumdrücken auf der rechten Außenbahn, keine Aufmerksamkeit erregen und bloß nicht blamieren. Doch als ich gut 15 Minuten vor dem Abpfiff und beim schmeichelhaften Spielstand von 1:3 den Rasen betrete, dauert es keine zehn Sekunden, bis dieser Vorsatz bröckelt. Hoher Ball auf mich, unsaubere Brustannahme und ehe ich mich versehe, hat mir meine Gegenspielerin mit der Rückennummer 21 die Kugel humorlos vom Fuß gepflückt. Ihr Name ist Nicole Banecki. 2008 holte sie mit der U20 bei der WM in Chile die Bronzemedaillie.

In der Folge erweist sich die 20-jährige, 1,68 Meter große Sport- und Fitnesskauffrau, die - wie aus ihrem Steckbrief auf der Vereins-Homepage zu erfahren ist - gerne Döner isst und für Cristiano Ronaldo schwärmt als regelrechter Alptraum. Mit der Gleichmütigkeit eines Akkordarbeiters und stoischer Mine beackert sie die rechte Außenbahn und nimmt mir spielerisch, fast lapidar eins ums andere Mal den Ball ab. Auf meine Einwände, sie müsse nicht unbedingt so viel laufen, es ginge hier ja hauptsächlich um Spaß, ernte ich ein belustigtes, fast schon mitleidiges Lächeln. Wie eine Erlösung klingt nach 15 Minuten der Schlusspfiff in meinen Ohren. Endstand: 4:2 für die FCB-Frauen. Ich pumpe wie ein Maikäfer, gleichermaßen platt wie entnervt schleppe ich mich Richtung Umkleide.

Neben mir witzelt unser Torwart: «Wenn wir gewonnen hätten, wären wir dann eigentlich Deutscher Frauenvizemeister gewesen?» Ein interessanter Gedanke, zum Lachen fehlt mir jedoch eindeutig die Luft.

»Allgäu-Sport

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