Aus dem Amtsgericht

Ladendieb wollte ertappt werden Seltenes Urteil: Geldstrafe zur Bewährung ausgesetzt Lindau/Westallgäu (enz.). Dass es in Gerichtsverhandlungen nicht allein um Freispruch oder Bestrafung geht, sondern gegebenenfalls auch um die Suche nach einem hilfreichen therapeutischen Ansatz für aus der Bahn geworfene Menschen, wurde in einem Fall von wiederholtem Ladendiebstahl deutlich. Obwohl es an den Diebstählen des 50-Jährigen nichts zu deuteln gab, setzte Richter Walther die Zahlung einer Geldstrafe von 400 Euro zwei Jahre lang zur Bewährung aus. Das verstand der Verurteilte nicht gleich, worauf ihm beschieden wurde, dass er sich bei fortan gesetzestreuem Verhalten das Geld sparen könne. Allerdings mit der Bewährungsauflage, regelmäßig die therapeutische Gruppensitzungen einer Suchtberatungsstelle zu besuchen und die Teilnahme lückenlos nachzuweisen. Zuvor hatte sich der Angeklagte derart in Selbstmitleid gebadet, dass der Richter den mit sich und der Welt hadernden Mann energisch mahnen musste, die Rolle des 'Angeklagten von der traurigen Gestalt' aufzugeben. Es bringe nichts, mit depressiv-weinerlicher Stimme sein Unglück zu bekunden.

Warum der Angeklagte in zwei Supermärkten geklaut hatte, wusste dieser offenbar selbst nicht: 'Der Diebstahl der Hähnchenschenkel ist mir ein Rätsel - Hunger hatte ich keinen.' Noch wunderlicher war die Behauptung, vorab gesehen zu haben, dass ihn der Ladendetektiv beobachtet. Dies sei ihm egal gewesen. Der seinerzeit in den Supermarkt gerufene Polizist erinnerte sich an das ungewöhnliche Verhalten des Diebs: 'Der war regelrecht erleichtert und froh, dass nach dem Diebstahl was passiert ist.' Das entwendete Fleisch habe im Gürtel gesteckt, die Schokolade in den Socken. Eingestellt wurde das Verfahren um eine Zigarettenpackung, die der Mann in einem anderen Supermarkt zunächst eingesteckt und später durch eine offene Tür in einen Lagerraum geworfen hatte. 'Dass mir danach der Hausdetektiv den Arm umgedreht hat, fand ich ganz schön brutal', beschwerte sich der 50-Jährige. In gewisser Weise habe er dem Detektiv ja zugearbeitet. Ein Gutachter bescheinigte dem periodisch von Alkohol, Drogen und Medikamenten beeinflussten Mann eine erhebliche Minderung seiner Steuerungsfähigkeit. Ein Unrechtsbewusstsein sei vorhanden, jedoch mit der ausgeprägten Neigung, Unliebsames zu verdrängen oder die Schuld bei anderen zu suchen.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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