Aufwühlend, traurig, anstrengend

Von Benjamin Schwärzler | Lindenberg/Chisinau Sebastian Habersetzer hat den Jahreswechsel auf einer Autobahnraststätte hinter Budapest erlebt. 'Es gab halbe Hähnchen und Sekt zum Anstoßen. Eine wilde Kombination', sagt der Lindenberger und lacht dabei. Es ist die einzige halbwegs lustige Anekdote, die er im Laufe des rund einstündigen Interviews erzählt.

Die anderen Details, die der 24-Jährige von seiner einwöchigen Fahrt mit dem Hilfskonvoi nach Moldawien erzählt, stimmen größtenteils nachdenklich - oder sind sogar erschütternd. Zum Beispiel die Geschichte der 13-köpfigen Familie, die zusammen auf 24 Quadratmetern lebt und nur zwei ihrer drei Zimmer beheizen kann. 'Alle haben Tuberkulose, haben sich gegenseitig angesteckt. Ein Kleinkind ist im letzten Jahr gestorben', berichtet Habersetzer. Oder die Geschichte des Dorfes, das in etwa so groß ist wie Simmerberg, aber keine Wasserleitungen besitzt. Die Einwohner versorgen sich an einem einzigen Brunnen. 'Und der ist im Winter meistens zugefroren', sagt Habersetzer. Oder die Geschichte des kleinen Buben, dem er ein Früchtebrot geschenkt hat - und der kurz vor der Abfahrt der Helfer mit einem selbstgeschossenen Hasen in der Hand an die Seitenscheibe geklopft hat. 'Er wollte sich damit bei uns bedanken', sagt der gelernte Medienfachwirt. Man habe das Geschenk abgelehnt - schließlich könne die Familie des Buben es dringender brauchen.

Sebastian Habersetzer ist seit neun Jahren Mitglied im THW-Ortsverband Lindenberg, der die vom Radiosender Antenne Bayern ins Leben gerufene Aktion 'Der Weihnachtstrucker' unterstützt. Insgesamt 58 Lkw sind von Regensburg aus über Österreich, Ungarn und Rumänien in die moldawische Hauptstadt Chisinau gefahren, um vor Ort die zuvor in ganz Bayern gesammelten Hilfspakete zu verteilen: an Kinderheime, Blindenheime, kirchliche Einrichtungen oder die Arbeiterwohlfahrt.

Der Konvoi setzte sich zusammen aus Lkw-Fahrern sowie Ehrenamtlichen von THW und den Johannitern. Habersetzer war der einzige Westallgäuer, der in Moldawien mit dabei war - und zufälligerweise auch genau die 500 Hilfspakete (u.a. mit Schokolade, Nudeln, Spielzeug und Drogerieartikeln) aus dem Landkreis Lindau in seiner Gruppe dabei hatte. 'Ich kann sicher sagen, dass alle Pakete von hier in Moldawien angekommen sind', betont er nach dem 5000-Kilometer-Trip.

Die Eindrücke, die er in Osteuropa erhalten hat, hat der 24-Jährige auch Tage später noch nicht verarbeitet. Not, Hunger, Elend, fehlende Grundversorgung - das gehe ganz schön an die Substanz. 'Es war grausam zu erfahren, dass viele Menschen aus Moldawien auswandern und ihre eigenen Kinder einfach zurücklassen', erzählt Habersetzer, der beim Anblick ärmlich eingerichteter Küchen und fast leerer Medizinschränke vor allem zu einem Schluss gekommen ist: 'Da begreift man erst, wie gut es einem bei uns geht. Wenn man warmes Wasser will, dreht man den Wasserhahn auf. Und wenn man Hunger hat, macht man den Kühlschrank auf. All das haben diese Menschen nicht.'

Deshalb möchte der Lindenberger weitermachen - und helfen. 'Ich würde auf jeden Fall wieder beim Hilfskonvoi mitfahren', kündigt er an. Vor allem im medizinischen Bereich könne man viel verbessern. Er hat auch schon eine Idee: 'Bei uns gibt es viele Medikamente, die in irgendwelchen Schränken herumliegen und dort viel dringender benötigt werden'

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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