Scheidegg
Auf einem Weg für Leib und Seele

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Jedes Jahr nimmt sich Ambros Häring einen Tag frei und bricht auf. Rund sieben Stunden macht er sich auf den Weg und steuert dabei nicht weniger als 16 besondere Ziele an. Der ökumenische Kapellenweg in Scheidegg sei ein «Weg für Leib und Seele», sagt Häring, die Gotteshäuser erlebt er als Orte zum Innehalten. An diesem sonnigen Vormittag im August geht er nur einen Teil der insgesamt 21 Kilometer langen Strecke. Er wandert gemeinsam mit einer alten Bekannten, Renate Reichart, um mit ihr über zehn Jahre Kapellenweg und die Ökumene in Scheidegg zu sprechen.

Der Katholik und die Protestantin brechen am Kurhaus Scheidegg auf. Kühle Luft und ein angenehm würziger Duft begleiten sie durch den Wald und über Lichtungen. Als sie Ebenschwand erreichen, weitet sich der Blick. Sie erreichen den Ort, an dem alles begonnen hat, die Herz-Jesu-Kapelle. Vor 27 Jahren erkundete der neue evangelische Pfarrer Peter Bauer die Scheidegger Umgebung per Rad. Er gelangte nach Ebenschwand und war erstaunt, das kleine Gotteshaus offen zu finden. Da fasste Pfarrer Bauer den Vorsatz, auch andere Menschen an diesen Ort zu führen. So initiierte er später die Kapellenwanderungen, und gemeinsam mit dem ihm eng verbundenen katholischen Pfarrer Karl Meisburger verband er vor zehn Jahren all die Kirchlein rund um Scheidegg zum ökumenischen Kapellenweg.

Gottesdienste und Meditation

Anfangs sei es gar nicht so leicht gewesen, erinnert sich Renate Reichart, die in Unterstein wohnt, die Menschen in den Filialen davon zu überzeugen, ihre Kapellen zu öffnen. Früher sei nur aufgesperrt worden, um für einen Verstorbenen den Rosenkranz zu beten oder eine Maiandacht zu halten. Seit die Türen offen stehen, sind die Gotteshäuser belebt und werden von Anwohnern für Gottesdienste, für wanderer für Einkehr genutzt. Mit Eifer schmücken Familien die Andachtsräume, stellen Wiesenblumensträuße oder Kerzen auf.

Vom schmucken Kirchlein Ebenschwand geht es weiter den Pfänderrücken entlang. Brennesseln und Sprinkraut verströmen ihren intensiven Geruch, wilder Salbei, Frauenmantel und Baldrian säumen den Waldpfad. Irgendwo sind Kuhglocken zu hören. Unvermittelt hält Ambros Häring an und weist auf eine Lichtung. Die Ulrichskapellesteht knapp jenseits der deutsch-österreichischen Grenze. Sie ist die Lieblingskapelle von Ambros Häring und mit 1000 Jahren die älteste der 16 Kapellen. Eine unterhalb des Altares entspringende Quelle spendet Wasser, dem heilsame Wirkung nachgesagt wird. Der Ort erinnert laut einer Inschrift daran, «dass alles Leben seinen Ursprung in Gott hat». Die beiden Pilger grüßen im Vorbeigehen eine Familie mit geländegängigem Kinderwagen und treten ein. Häring macht das Kreuzzeichen und zündet eine Kerze an. Für Momente der Besinnung und des persönlichen Gebets setzen sich der Mann und die Frau in die Bänke.

Das Kreuzzeichen ist einer der Unterschiede zwischen den Konfessionen. Als Renate Reichart, die evangelische Pfarrerstochter aus Schleswig-Holstein, 1983 ins Westallgäu zog, war ihr diese symbolische Handlung fremd. Aber ihre beiden Kinder katholisch zu taufen, fand sie selbstverständlich, sich in der katholischen Kirche, beispielsweise in Familiengottesdiensten, zu engagieren ebenfalls. Die Söhne von Renate Reichart hatten sonntags die Wahl: Sie konnten in die «große» - die katholisch Pfarrkirche St. Gallus - oder die «kleine» - die evangelische Auferstehungskirche - gehen. Die beiden Töchter von Ambros Häring sind Ministrantinnen in der Pfarrgemeinde St. Gallus. «Wir haben eine Bibel, wir glauben an einen Gott. Das Übrige ist schmückendes Beiwerk», darüber sind sich Häring und Reichart einig.

Sorgen bezüglich Ökumene

Sich von der Ulrichskapelle in Richtung Oberstein wendend, sprechen die beiden Christen über ihre Sorgen bezüglich der in Scheidegg so intensiv gelebten Ökumene. Im Gegensatz zu Pfarrer Meisburger, der ganz selbstverständlich evangelische Christen im katholischen Gotteshaus willkommen hieß und nicht bei jeder ökumenischen Begegnung eine Genehmigung in Augsburg einholte, sei der neue Ortspfarrer, Pater Austin Abraham, vorsichtiger. Das wirft zuweilen ganz praktische Fragen auf. Wenn Renate Reichart auf der traditionellen Wallfahrt nach St. Gallen an einer Eucharistiefeier teilnehmen will, weiß sie nicht, wie der Pfarrer reagiert. Ambros Häring, von Beruf Werkstoffprüfer und Betriebsrat bei Liebherr, bedauert, dass die Mitchristin «jetzt Hemmungen hat, die es früher nicht gab.»

Durch ihre Arbeit im diakonischen Mütterkurheim Scheidegg hat Renate Reichart vor vielen Jahren ihren Mann Franz kennengelernt - und ist in Scheidegg hängen geblieben. Ambros Häring stammt aus Stiefenhofen. «Wir hatten nur einen Evangelischen in der Klasse», erzählt er aus seiner Kindheit. In Scheidegg ist es für ihn zur Selbstverständlichkeit geworden, mit Protestanten zu beten und zu feiern. Als das ökumenische Kapellenprojekt umgesetzt wurde, saß er im Pfarrgemeinderat.

Und wieder überwältigt die Wanderer ein grandioser Ausblick. Weit in den Bregenzer Wald hinein schweifen die Blicke, während sie über einen steilen Hang mit frisch gemähtem Gras abwärts nach Unterstein steigen, wo Renate Reichart mit ihrem Mann und ihren Söhnen einen Hof mit ein bisschen Vieh und zwei Ferienwohnungen umtreibt.

Die holzgeschindelte Anna-und Joachim-Kapelle Unterstein ist benannt nach den Eltern der Gottesmutter. Aus den Zeilen im ausgelegten Gästebuch spricht vor allem Dankbarkeit. Die Menschen danken für die wunderbare Natur, für ihre Lieben oder für den schönen Urlaub. Jemand drückt seine Freude aus, es «trotz meiner Behinderung bis hierher» geschafft zu haben.

Das nächste Ziel ist die jüngste Kapelle, die 1988 geweihte ökumenische Hubertuskapelle in Forst. In ihrer Schlichtheit ist sie die Lieblingskapelle von Renate Reichart. «Kreuz, Kerzen, die Bibel. Mehr ist nicht nötig», findet sie. Aber sie hat viel gelernt über Symbole der Katholiken. Der jüngst verabschiedete Gemeindereferent Martin Zeller habe ihr deren Sinn «in einfachen Worten» erschlossen. Das Kreuzzeichen ist ihr deshalb nicht mehr fremd: Der Glaube betrifft den Kopf des Menschen, sein Herz, seinen ganzen Körper - das könnte die Geste beschreiben.

Inmitten schmucker Bauernhäuser liegt die klitzekleine Martina-Kapelle in Schalkenried. Um sie zu betreten, müssen sich die Besucher bücken. Platz zum Sitzen ist in den engen Bänken nicht. Einfach geschnitzte Figuren - eine davon hat sechs Finger an den Händen - sind an den ungehobelten, lackierten Bretten der Wände angebracht. Am Glockenseil hängt ein Schild. «Bitte nicht läuten (nur bei Todesfall im Ort).» Auf dem Altar steht ein Foto von Karl Meisburger. Es ist nicht das erste, das die Kapellenpilger an den beliebten Geistlichen erinnert.

Kärtchen mit Sinnsprüchen

Gegen Mittag wird es heiß. Umso dankbarer kehren die Wanderer in kühlen Gotteshäusern ein, ruhen auf harten Holzbänken ein wenig aus. Wie bei Volkswandertagen Teilnehmer Stempel sammeln, so können die Menschen hier Kärtchen mitnehmen, die die besuchte Kapelle nennen und einen Sinnspruch zitieren. Ambros Häring und Renate Reichart lassen die Kärtchen stecken. Sie sind vertraut mit allen Kapellen. Und sie brauchen keine gedruckten Weisheiten, um von dieser Wanderung etwas mitzunehmen. «Auftanken, Kraft schöpfen» nennt die Protestantin den Gewinn von Weg und Einkehr. Von «Innehalten» und «den Kopf frei kriegen» spricht Ambros Häring.

«Jeder Teil dieser Erde sei deinem Volke heilig», steht auf einem Kärtchen geschrieben. Der Satz stammt nicht aus der Bibel, sondern aus dem 1885 geschriebenen Brief des Indianerhäuptlings Seattle an den Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Irgendwie fasst er alles zusammen, was der ökumenische Kapellenweg erfahrbar macht: Liebe zur Natur, Ehrfurcht vor der Schöpfung und die große Offenheit der Menschen, die diesen Weg geschaffen haben und die ihn gehen.

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