Kempten
Asylbewerber protestieren gegen ihr Essen

«So ein Fleisch wird in keinem Laden mehr verkauft, das ist oft schon ganz grau und riecht komisch», schimpft Mammad Aliev. Und mit seinem Ärger ist der Mann aus Aserbaidschan nicht alleine: Geschlossen protestieren die über 100 Kemptener Asylbewerber derzeit gegen die Qualität der Lebensmittel, die montags und mittwochs in ihrer Unterkunft angeliefert werden. Um ihrem Protest Nachdruck zu verleihen, haben die Bewohner schon zweimal die Annahme der für sie bestimmten Nahrungsmittel verweigert. Obendrein haben sie sich in einem Brief an die zuständige bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer gewandt. Diese ließ gestern eine der Lebensmittellieferungen überprüfen. Die Kontrolleure hätten dabei nichts Auffälliges feststellen können, hieß es.

Das Prinzip ist im ganzen Freistaat dasselbe: Asylbewerber kaufen ihre Lebensmittel nicht selbst ein, sondern werden über Großlieferanten zentral mit Lebensmitteln versorgt. Dafür gibt es vorgefertigte Listen, auf denen die Bestandteile der Pakete angekreuzt werden. Allerdings, so kritisieren die Asylbewerber, gebe es kaum Auswahl: Bei jeder Bestellung müsse man beispielsweise Fleisch auswählen - gegen Nudeln oder Reis austauschen könne man die Portion nicht. Dazu komme schlechte Qualität: «Das Obst ist oft total matschig», sagt ein Mann aus dem Iran.

Vorschlag: Gutscheine austeilen

«Wir wollen unsere Lebensmittel selbst besorgen», fasst Mammad Aliev die Forderung der über 100 Bewohner aus dem Rübezahlweg zusammen. Seit Jahren müssten er und seine Familie immer dieselben Lebensmittel essen - da wünsche man sich mehr Selbstbestimmung. Man könnte, so schlagen die Asylbewerber vor, Gutscheine für Läden austeilen. Das spare auch noch Kosten, da dann die Lebensmittel nicht mehr mit dem Laster angeliefert werden müssten.

Beim bayerischen Sozialministerium heißt es dagegen, dass man nicht plane, die Essenslieferungen abzuschaffen. Sozialministerin Haderthauer erklärte aber, dass sie das Anliegen der Bewohner «sehr ernst» nehme und man bei der für den Vollzug zuständigen Regierung von Schwaben eine Prüfung angeordnet habe.

Erste Ergebnisse vermeldete gestern noch deren Pressesprecher Karl-Heinz Meyer: Lebensmittelkontrolleure hätten festgestellt, dass sowohl Qualität als auch Haltbarkeit der für Kempten vorgesehenen Lebensmittel völlig in Ordnung seien. 17 Unterkünfte mit über 1000 Menschen würden von dem Lieferanten versorgt - Missstände habe man bislang nicht festgestellt. Gleichwohl, so Meyer, wolle man mit den Kemptener Asylbewerbern im Gespräch bleiben.

Diese planten gestern, ihre Aktion zunächst fortzusetzen - die übrigens ein Vorbild aus dem Jahr 1990 hat: Schon damals hatten Kemptener Asylbewerber gegen die Qualität ihres Essens protestiert.

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