Askese als Balsam für die Seele

Von Helmut Kustermann | Memmingen Es ist eine Herausforderung, ein Belastbarkeitstest. Wer fastet - ob nun aus religiösen oder anderen Motiven - setzt sich einer Prüfung aus. Es winkt aber auch eine verlockende Belohnung: Nach ein paar Tagen helle sich die Stimmung auf, werde man vielleicht sogar euphorisch, sagt Dr. Andreas Küthmann. Zum heutigen Beginn der Fastenzeit sprach der Ärztliche Direktor des Bezirkskrankenhauses als Redaktionsgast über die mentale Dimension des Fastens.

Vorgang im Gehirn

Aller Anfang ist schwer. Zuerst sei die Askese eine Belastung, viele würden Unlust empfinden, sagt Küthmann. Danach aber entfalte das Fasten seine Wirkung als Balsam für die Seele. Das hängt mit Serotonin zusammen, einem Stoff im Gehirn. Er spiele eine Rolle bei der Entwicklung von Stimmungen und stehe bei einem Fastenden verstärkt zur Verfügung, sagt der Mediziner. Die Folge: Man ist ganz einfach guter Dinge. Eine intensivere Serotonin-Ausschüttung bewirkten auch süße und fettreiche Mahlzeiten, so Küthmann. Daher komme wohl auch der Spruch, dass Schokolade glücklich mache.

Wer fastet, sollte sich in einem geeigneten Umfeld bewegen. Sinnvoll wäre es in Küthmanns Augen, aus dem Arbeitsprozess herauszugehen und eine 'Phase der Einkehr' zu beginnen. 'Man sollte sich Zeit nehmen, seinen Körper und seine Psyche zu beobachten', rät der Mediziner. Diesem Ziel diene auch, auf Fernseher, Computer oder Handy zu verzichten. Wer sich so einschränkt, erlebt eine Zeit 'größerer Bewusstseinsklarheit', wie es Küthmann formuliert. Dieser Zustand könne beispielsweise hilfreich sein, wenn man eine schwierige Entscheidung zu treffen habe.

'Noch mehr Begeisterung'

Fasten aus religiösen Gründen oder zur Reduzierung des Gewichts - das sind die ganz gebräuchlichen Vari-anten. Es kann aber auch Ausdruck einer sozialkritischen Haltung sein. Elisabeth von Thüringen (1207-1231) verzichtete auf Speisen, die aus ungerechten Einkünften stammten. Mahatma Gandhi fastete für die Unabhängigkeit Indiens. In einem solchen Fall könne die euphorisierende Wirkung des Fastens dazu führen, dass man 'mit noch mehr Begeisterung für sein Ziel eintritt', erläutert Küthmann.

Jedem, der sich in Askese üben will, sollte aber vorher bewusst sein, dass ihm eine Grenzerfahrung bevorsteht, so der Mediziner. Und Fasten sei logischerweise auch keine Dauerlösung, um der Seele etwas Gutes zu tun. 'Eine Woche ist okay', sagt Küthmann. In dieser Zeit sei es besonders wichtig, ausreichend Flüssigkeit zu sich zu nehmen. 'Wer körperlich und psychisch gesund ist, für den ist das durchaus empfehlenswert', fasst der Facharzt seine Meinung zum Fasten zusammen.

Da liegt er ganz auf einer Linie mit Hippokrates, dem Urvater der abendländischen Medizin. Von ihm ist der folgende Satz überliefert: 'Wer stark, gesund und jung bleiben will, sei mäßig, übe den Körper, atme reine Luft und heile sein Weh eher durch Fasten als durch Medikamente.'

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

3 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen
add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by Gogol Publishing 2002-2019