Scheidegg / Lindau
Arbeitslose kritisieren Weiterbildung

Fünf Wochen war sie aufgrund eines schweren Infekts krankgeschrieben, eine Woche davon verbrachte sie sogar im Krankenhaus. Nun soll die 52-Jährige aus Scheidegg ihre Fehltage bei einer Weiterbildungsmaßnahme der Arbeitsagentur, die sie beim Kolping-Bildungswerk in Lindau absolviert, nachholen. Die gelernte Arzthelferin ist schockiert: «Ich finde das nicht gerecht. Ich habe nicht unentschuldigt gefehlt und einfach geschwänzt, sondern ein Arzt hat mich krankgeschrieben.»

Die Arbeitsagentur sieht das anders. «Wir bezahlen eine gewisse Anzahl an Tagen einer solchen Maßnahme, deshalb müssen die verpassten Tage nachgeholt werden», argumentiert Albert Thumbeck, Leiter der Lindauer Arbeitsagentur.

Die Scheideggerin besucht eine sogenannte Teilzeitmaßnahme. Das heißt, zweimal die Woche von acht bis 17 Uhr fährt sie ins Kolping-Bildungswerk nach Lindau. Dort werden für rund 70 Arbeitssuchende verschiedene Kurse angeboten. Unter anderem lernen sie, Bewerbungen zu schreiben und Lebensläufe anzufertigen. Fünf Mal zwei Tage muss die 52-Jährige nun in den nächsten Wochen nachholen. Thumbeck sieht darin kein Problem: «Es dient dem Zweck, dass die Maßnahme erfolgreich absolviert werden kann.

» Und er fügt hinzu: «Das sollte auch im Interesse des Arbeitssuchenden sein.»

«Ich will ja arbeiten»

Die 52-Jährige aus Scheidegg dagegen fühlt sich vom Arbeitsamt gegängelt. «Ich will ja arbeiten, ich schreibe die ganze Zeit Bewerbungen.» Doch diese fünf Wochen sei sie eben krank gewesen. «Ein Arbeitnehmer muss seine Krankheitstage auch nicht nacharbeiten.»

Auf die Frage der Scheideggerin, ob denn ein solches Verhalten rechtmäßig sei, verweist Albert Thumbeck auf die vertraglichen Vereinbarungen. «Ich sehe da keine Probleme. Es ist weder sittenwidrig, noch überschreitet es die Regelarbeitszeit.»

Die Scheideggerin ist mit ihren Klagen nicht allein. Auch andere sind mit den Weiterbildungsmaßnahmen unzufrieden. Ein 64-Jähriger etwa zweifelt an der Sinnhaftigkeit der Maßnahme. «Ich werde nächsten Monat 65 Jahr alt, ich habe noch ein Jahr bis zur Rente», sagt der Lindauer. Seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind daher denkbar schlecht. «Die meisten Unternehmen suchen niemanden für nur ein Jahr», so seine Erfahrung.

Doch die Arbeitsagentur Lindau sieht das offensichtlich anders. «Auch diese Menschen haben Chancen», ist Thumbeck überzeugt. Es gebe zum Beispiel Unternehmen, die nur jemanden befristet für einen bestimmten Zeitraum suchen.

Der Lindauer Arbeitslose nimmt das Ganze mit Humor: «Der Umgang mit dem Computer, den ich hier auch lerne, ist für mich persönlich ganz interessant.»

Wer für Weiterbildungsmaßnahmen eingeteilt wird, entscheiden die jeweiligen Betreuer in den Arbeitsagenturen. Bestimmte Regeln gebe es hierbei nicht, es entscheide der Einzelfall, so Thumbeck. «Wir schauen uns die Menschen an, was an Potenzial da ist, und überlegen, was ihnen helfen könnte.» Und je nachdem werden dann die verschiedenen Angebote ausgesucht - zumindest im Idealfall. Doch dass dieser Idealfall nicht immer zutrifft, räumt auch Thumbeck ein. Kritik an den Entscheidungen seiner Betreuer weist er allerdings entschieden zurück: «Wir schicken Menschen zu solchen Maßnahmen, wenn wir der Meinung sind, dass es sinnvoll ist. Es kann sein, dass nicht alle Betroffene das auch so sehen, auch weil es sie vielleicht einschränkt.»

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