Applaus übertönt die Glocke

Von Joachim Buch
| Marktoberdorf Freunde romantischer Kirchenmusik kamen beim Jubiläumskonzert des Kirchenchores und -orchesters St. Martin in Marktoberdorf voll auf ihre Kosten. Anlässlich der Feierlichkeiten zum 270-jährigen Jubiläum der Stadtpfarrkirche St. Martin erklangen unter Leitung von Margit Sedlmair «Hör mein Bitten», eine Psalmvertonung von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) und die «Cäcilienmesse» von Charles Gounod (1818-1893).

Warmes, tragfähiges Organ

«Hör mein Bitten», eine der wichtigeren geistlichen Kompositionen Mendelssohns, wurde lange Zeit von seinen großen Oratorien «Elias» oder «Paulus» überstrahlt. Im Zentrum der Marktoberdorfer Aufführung stand das Sopransolo der Koreanerin Deoksuk Jeon-Raber, die stets mit warmem, tragfähigem Organ sang: zusammen mit Mendelssohns ausufernder melodischer Einfallskraft ein großer Genuss. Es war schade, dass die akustischen Verhältnisse nicht immer für eine optimale Textverständlichkeit sorgten.

Die Cäcilien-Messe fällt durch ihre sehr opulente Instrumentation auf: allein 22 Bläser, wovon einige jedoch nur der Klangverstärkung dienen und bei der Aufführung in St. Martin weg gelassen wurden, wie zum Beispiel die dritte und vierte Fagottstimme. Gounod schreibt jedoch selten ein Tutti vor, sodass man um die Klangbalance zwischen Orchester, Chor und Solisten keine Angst zu haben brauchte. Letztere zeigten sich ohnehin in Bestform. Die Koreanerin bestätigte mit jedem Einsatz den guten Eindruck vom Mendelssohn-Stück. Marc Megele ist mit seiner großen stimmlichen Strahlkraft auf dem Weg in die vordere Reihe der lyrischen Tenöre. Einziger einheimischer Solist war Bassist Richard Dauner, dessen Stimmfarbe zwar nicht wirklich «schwarz» war. Dafür artikulierte er mit einer Klarheit und Natürlichkeit, die man bei nicht-professionellen Sängern keinesfalls automatisch voraussetzen kann.

«Kyrie» und «Gloria» lebten von einer klug herausgearbeiteten dynamischen Steigerung. Hin und wieder durfte der sauber intonierende Chor auch a cappella glänzen. Wer von großen Messvertonungen - oder auch von Messgesängen im normalen Gottesdienst - das Gloria stets als einen Ausdruck musikalischen Jubels in Erinnerung hat, musste hier etwas warten. Nach einem ungewohnt bedächtigen Anfang dürfen sich die Ausführenden erst im flotten Schlussteil den «klassischen» Gloria-Tönen zuwenden.

Im Unisono zu Beginn des «Credo»-Satzes zeigte der Chor seine ausgeprägte Fähigkeit zu deutlicher Deklamation. Prägnant erklangen auch die in einer Messkomposition eher nicht erwarteten Beckenschläge, als es im Text um die Auferstehung am dritten Tage ging. Gounods Vorliebe für die großen französischen Militärorchester zeigte sich offenbar nicht nur in der Bläserbesetzung seiner Orchesterwerke.

Ähnlich wie das Gloria ist bei Gounod auch der in Messkompositionen eher extrovertierte «Sanctus»-Satz eher verhalten gestaltet. Nach dem Benedictus, gipfelnd in einem wunderbaren Dialog zwischen Chor und den Streichern, und dem abschließenden Agnus Dei läutete zum Abschluss die Martinsglocke. Man hörte ihren Klang jedoch nur kurz, denn schnell dominierte ein langer, freundlicher Applaus aus den nahezu vollständig besetzten Kirchenbänken.

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