Allgäu
«Anlaufstelle für Sorgen»

Die Allgäuer Zeitung beleuchtet in einer Serie das Leben in Marktoberdorf und Umgebung rund um die Uhr - täglich für jeweils eine Stunde. Im sechsten Teil der Serie von 5 bis 6 Uhr haben wir Tankstellenpächter Heinz Groß bei seiner Arbeit begleitet.

Marktoberdorf Vom schwachen Schein einer einzigen Straßenlampe erleuchtet liegt sie da, dunkel und leer: die Jet-Tankstelle an der Kaufbeurer Straße in Marktoberdorf. Nur wenig Licht brennt im Verkaufsraum. Wie die Stadtbevölkerung in ihren Betten scheinen Zigarettenschachteln und Zeitschriften im Regal zu ruhen. Dort, wo sonst Familienväter die Tankfüllung für den Urlaub bezahlen oder Jugendliche abends Partyutensilien kaufen.

Da - etwas regt sich im Dunkeln. Ein schwarz gekleideter Mann steigt vom Rad, geht zur Tür und tritt nach längerem Herumgefummel mit seinem Schlüsselbund ein.

Schon werden kleine Wagen herumgeschoben, ein Aufsteller mit Blumen erscheint vor dem Gebäude, der Verkaufsraum erstrahlt in hellem Licht: Tankstellenpächter Heinz Groß nimmt die Arbeit auf.

1970 an der «Jet» angefangen

Trotz der frühen Stunde ist der Marktoberdorfer topfit und lässt sich fröhlich auf ein Schwätzchen ein. «1970 hab ich hier angefangen», erzählt der 58-Jährige, während er die Abdeckung des Kühlregals hochfahren lässt und einen Wagen mit Grillzubehör nach draußen schiebt. «Um fünf Uhr morgens ist hier noch nichts los, meistens erst so um dreiviertel sechs», meint Groß. Trotzdem muss um diese Zeit schon viel getan werden.

Als Erstes widmet der Mann sich der Kaffeemaschine: Diverse Kleinteile, die am Vorabend in eine Reinigungslösung eingelegt wurden, müssen nun feinsäuberlich abgespült und wieder in das Gerät eingebaut werden. Anschließend geht es wieder nach draußen, wo Groß Wasser und einen Abzieher zum Scheibenwischen und einen Reifendruckmesser bereitstellt.

Obwohl kurz nach Öffnung der Tankstelle nie viel los ist, herrscht heute eine Flaute, die den Pächter überrascht. Groß erklärt dies mit der Ferienzeit: «Da fallen halt die Lehrer und Schüler weg und viele Leute, die nach München pendeln, haben Urlaub.» So langsam zeigt der Himmel ein paar Strahlen Tageslicht. Mit der Sonne kommt die Kundschaft.

Im Kurs stehen zunächst mal Zigaretten, scheint es, denn mehrere Männer tauchen auf und verlassen den Laden mit nichts als zwei bis drei kleinen bunten Päckchen in den Händen.

Währenddessen wartet Rita Goss aus Marktoberdorf an der Kasse auf die Lieferung frischer Backwaren, die täglich von der Bäckerei Druckmiller kommt. «Früher gibt es nirgendwo frische Semmeln als hier», sagt sie. Als der weiße Lieferwagen vor dem Verkaufsraum erscheint, heißt es für Rita Goss zugreifen - und für Roswitha Groß, Groß Frau, Semmeln belegen und Butterbrezen schmieren.

Viele Leute kommen regelmäßig in die «Tanke», manche täglich. Und für ein Schwätzchen ist Heinz Groß immer zu haben. Da wird nach den Kindern gefragt, nach dem Partner, nach dem Wohlbefinden. Und die Antworten fallen nicht immer positiv aus. Er lacht zustimmend, als seine Frau meint: «Ja, irgendwie sind wir schon manchmal auch eine Anlaufstelle für Sorgen.»

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