Interview
Andreas Knie erhält den Doktortitel

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Statt einfach nur den schönen Dingen des Lebens zu frönen, hat der ehemalige Kaufbeurer Oberbürgermeister (1992 bis 2004) Andreas Knie kürzlich seine Promotion abgelegt. Grund genug für ein Gespräch mit dem 57-Jährigen, in dem das omnipräsente G-Thema fast vermieden werden konnte. Fast.

Und Herr Dr. Knie - alles richtig zitiert in der Doktorarbeit?

Knie: Ja, das Zitieren war bei meiner Doktorarbeit etwas leichter! Denn es gibt zum einen bisher nur sehr wenig Literatur zu diesem speziellen Thema und zum anderen besteht der größte Teil meiner Doktorarbeit aus meinen eigenen umfassenden Untersuchungsergebnissen.

Ein Doktorgrad steht ja meist am Anfang einer beruflichen Karriere. Sie haben den Titel mit 57 Jahren erhalten. Eher ungewöhnlich

Knie: Das mag sein. Doch nach dem Ende meiner Amtszeit als OB fühlte ich mich zu jung, um mich nur noch dem Golfsport zu widmen. Also überlegte ich, welche Aufgaben kann es geben für mich? Zwei Dinge spielten da eine Rolle: Zum einen bin ich grundsätzlich ein neugieriger Mensch.

Auf der anderen Seite hat mich die Zeit als OB sehr stark geprägt, da man sich in diesem Amt mit allen gesellschaftlichen Themen befassen muss. Also lag es vor diesem Hintergrund nahe, einen tieferen, wissenschaftlichen Blick auf ein Thema zu werfen, das mich interessiert - ganz ohne Zeitdruck.

Sie haben über die «Gefühlte Sicherheit älterer Menschen» promoviert. Was hat Sie gereizt daran?

Knie: Das Gefühl der Sicherheit ist ein Teilaspekt von Lebensqualität. Es gibt zwar sehr viele Studien über die Sicherheit im öffentlichen Leben. Aber eine niedrige Kriminalitätsrate sagt nichts darüber aus, wie sich Menschen tatsächlich fühlen. Es gab bislang auch keine Studien oder Messinstrumente, die das erklären konnten.

Und genau das wollte ich herausfinden: Wie geht es dieser großen Bevölkerungsgruppe der Älteren? Was fühlen sie? Was beschäftigt sie? Herausgekommen ist in meiner Studie, dass für ältere Menschen drei Schwerpunktthemen besonders wichtig sind: Wie komme ich mit meinen körperlichen, geistigen und kognitiven Einschränkungen in meiner Umgebung zurecht? Wer kümmert sich um mich, wer hilft mir im Alter? Und als dritter Punkt: die Qualität der ärztlichen Betreuung.

Welche Schlüsse ziehen Sie aus Ihrer Arbeit?

Knie: Generell müssen wir alle sensibler werden. Ältere Menschen sehen und hören nicht mehr so gut, sie verlieren leichter die Orientierung. Die Gesellschaft darf das nicht ignorieren, sondern muss Rücksicht darauf nehmen.

Wenn ich daran beim Bau eines öffentlichen Gebäudes nicht denke, oder zum Beispiel in einer Innenstadt schwer begehbares Kopfsteinpflaster verlege, dann schließe ich Menschen möglicherweise vom öffentlichen Leben aus oder schaffe Risikosituationen. Eine weitere Erkenntnis aus der Arbeit: Wir müssen alles fördern, was eine Vereinsamung älterer Menschen verhindert. Man sollte daher zum Beispiel ambulante Pflegedienstleistungen ausbauen und über neue Wohnformen nachdenken. In guten Beziehungen zu anderen Menschen zu leben - dies hat höchsten Einfluss auf das Sicherheitsgefühl von Senioren!

Der Hausarzt ist oft eine wichtige Bezugsperson für Ältere. Doch den Medizinern geht der Nachwuchs aus

Knie: Das Gespräch mit dem Patienten ist nach wie vor die wichtigste Aufgabe eines Arztes - sie wird aber am schlechtesten bezahlt! In der Studie konnten wir herausfinden, dass es älteren Menschen nicht um die neueste Technik in der Arztpraxis geht. Sie wünschen sich ausreichend Zeit und gute Information. Das ist genau das, was gute Medizin eigentlich ausmacht. Deshalb muss einem Hausarzt die Zeit für das Patientengespräch auch adäquat bezahlt werden, anstatt nur den Einsatz teurer Technik zu honorieren.

Sie wirken selbst sehr gelassen. Wie hat sich Ihr Leben verändert in der Zeit nach Ihrer Abwahl als OB?

Knie: Ich habe mich damals schnell mit der Situation arrangiert und es ist mir gut gelungen, mein Leben neu zu organisieren. So wie es jetzt ist, würde ich sagen: Ein Geschenk, wie ich leben darf. Der intensive Zeitdruck ist weg. Ich habe viel mehr Zeit für meine Familie, berate und begleite gelegentlich Unternehmen unserer Region, kann wissenschaftlich arbeiten und mich ehrenamtlich für den Hospizverein engagieren. Eine schöne Mischung.

Den Doktortitel haben Sie jetzt. Gibt es weitere berufliche Pläne?

Knie: Es ist ein Gedanke in mir gereift: Meine Erfahrungen als OB und die Erkenntnisse aus meinem Studium «Ethisches Management» würde ich gerne an Menschen weiter geben, die in herausgehobenen Führungspositionen arbeiten. Ich möchte ihnen helfen, den Druck raus zu nehmen, unter dem die meisten stehen.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer das ist, wenn man im Tagesgeschäft gebunden ist. Selbst schafft man das oft nicht, man braucht einen Spiegel von außen. Mit so einer Hilfe könnte es gelingen, das Amt besser zu bewältigen und die Aufgabe gelassener zu nehmen.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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