Am Ende gewinnt nur der Automat

Von Alexandra Decker | Marktoberdorf/Ostallgäu In seinen 'besten Zeiten' verzockte er täglich rund 400 Euro, erzählt der 35-jährige Kemptener. Im Schutz selbstgewählter Anonymität gibt er zu, dass er auf dem Höhepunkt seiner Sucht einen Tagesumsatz von bis zu 1850 Euro hatte. Geld, das in der Spielothek blieb, denn am Ende gewinnt immer der Automat. 'Die Maschine ist so gebaut, dass der Betreiber mit ihr verdient. Mein Glück war nur, dass auch ich relativ gut verdient habe', sagt der Mann, der seit Ende 2007 eine neue Selbsthilfegruppe für Spielsüchtige in Kaufbeuren leitet. Trotzdem zahlt er bis heute einen Schuldenberg von 33 000 Euro ab.

Auch Angehörige leiden

Anderen pathologischen Spielern geht es schlechter. 'Oft ist die wirtschaftliche Existenz bedroht und auch die Angehörigen leiden', sagt Barbara Braunmüller von der Suchtberatung der Caritas Kaufbeuren. Der Kemptener weiß das ebenfalls, denn seit er selber nach zwölf Jahren spielfrei ist, leitet er die Selbsthilfegruppen der Gamblers Anonymus (GA, anonyme Spieler) in Kempten und Kaufbeuren. Letztere deckt das gesamte Ostallgäu ab.

'Wir brauchen dringend Hilfe vor Ort', nennt er den Grund für sein Engagement. Denn als 'ich 2000 das erste Mal versucht habe aufzuhören, war das Hilfsangebot sehr dünn und die Erfahrungen mit Spielsucht fehlten ', erzählt er.

Über Therapie Ausstieg geschafft

Der Kemptener schaffte den Absprung nicht. 'Zwei Jahre später stand ich vor der Entscheidung, weiter zu spielen oder mein Leben zu beenden', erinnert er sich an die dunkelste Stunde seiner Glücksspielzeit. Über eine Selbsthilfegruppe in Vöhringen und die stationäre Therapie in einer Spezialklinik im Saarland, wo er noch 'ständig Automaten bimmeln hörte, Schlafstörungen und Schweißausbrüche hatte', schafft er 2005 den Ausstieg.

Als die Caritas-Suchtberatung auf ihn zukam, war er sofort bereit, auch im Ostallgäu eine Gruppe zu gründen. Dort treffen sich derzeit regelmäßig vier Betroffene, in Kempten sind es 14. Auf den ersten Blick keine hohen Zahlen, aber 'wir hatten in einem halben Jahr einen Zuwachs von 200 Prozent', sagt der Gruppenleiter. 'Das Problem hat sich verschärft', sagt auch Barbara Braunmüller. 'Und das Hilfsnetz fehlt noch immer.' Die Selbsthilfegruppe soll ein Anfang sein.

Der Grund für die steigende Zahl Spielsüchtiger ist laut dem 35-jährigen ein Wandel in der Spielotheken-Landschaft. Früher seien das dunkle Spelunken gewesen. Heute wirkten sie freundlich, werben mit Events und befänden sich in bester Lage. Auch die Spielautomaten veränderten sich. 'Früher konnte man nur ein paar hundert Euro gewinne. Neue Geräte locken mit Gewinnen von mehreren tausend Euro', so der Kemptener.

Überhaupt schwappe derzeit eine regelrechte Spielwelle über Deutschland. An jeder Ecke gibt es Poker- oder Roulettesets zu kaufen, Pokerturniere werden im Fernsehen übertragen und professionell veranstaltet. 'Dabei wird mit Spaß geworben, aber nicht vor den Risiken gewarnt', kritisiert der ehemalige Spielsüchtige.

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