Füssen
«Als wäre Teil der Familie gestorben»

Auch Tage nach dem Flugzeugunglück von Smolensk stehen sie noch unter Schock: Der Absturz der Präsidentenmaschine, der 96 Vertreter der polnischen Führung in den Tod riss, hat die Bürger des Nachbarlandes tief erschüttert. Doch nicht nur in Warschau oder Krakau überschattet die Tragödie alles. Auch die in Füssen lebenden Polen können kaum glauben, was an diesem Samstag geschah.

«Ich bin tief getroffen - ich fühle mich, als wäre ein Teil meiner Familie gestorben», sagt etwa Dr. Kaziemirz Kloczkowski, der seit fast 30 Jahren in Deutschland daheim ist. Von einer Minute auf die andere sei die halbe polnische Regierung ausgelöscht worden. Das sei nicht nur für die Nation ein Drama - «der Verlust dieser Elite bedeutet für ganz Europa ein Riesen-Vakuum», ist der Füssener Urologe überzeugt. Die Polen nehme das Geschehen «emotional» sehr mit. Auch seine Frau habe erst einmal geweint, als sie die Fernsehbilder sah.

Dass die hochrangige Delegation aus Warschau ausgerechnet auf dem Weg zu einer Gedenkfeier im russischen Katyn war, wo vor 70 Jahren über 20000 Mitglieder der polnischen Elite hingerichtet wurden, ist in den Augen Kloczkowskis «Ironie des Schicksals» - noch dazu, wo er bei dem russischen Massaker während des Zweiten Weltkriegs selbst Angehörige verloren habe.

«Mit ganzem Herzen Polin»

Marlena Bär, die seit vier Jahren in Deutschland lebt, fehlten lange Zeit die Worte. Auf einer polnischen Internetseite hatte sie von dem Absturz erfahren. «Seit drei, vier Tagen bin ich mit ganzem Herzen wieder Polin», beschreibt die 30-jährige Mutter, die mit einem Deutschen verheiratet ist, jetzt ihre Gefühle. Auch sie findet die Parallelen zu den früheren Ereignissen in Katyn «unglaublich». Überhaupt sei der April ein regelrechter Schicksalsmonat für die Polen: «Vor fünf Jahren ist Papst Johannes Paul II. gestorben»

Wie es nun politisch weitergeht? Da zucken beide die Schultern. «Präsident Lech Kaczynski war eine kontroverse Persönlichkeit. Aber er hat sich sehr für Polen und seine Anliegen eingesetzt. Darum war er in der Bevölkerung sehr geschätzt», so der Eindruck Kloczkowskis. Obwohl bereits in gut zwei Monaten eine neue Staatsführung gewählt werden soll, glaubt der Mediziner nicht, dass sich die gerissenen Lücken in Bälde vernünftig schließen lassen. Ein Gutes freilich könne das Drama bewirken, glaubt er: Es könnte Polen und seine Nachbarn näher zusammenbringen. Die Reaktionen in Deutschland und Russland deuteten zumindest darauf hin, so Bär: «Die echte Anteilnahme dort hat sehr gut getan.» (raf)

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