Allgäu
Als sie gingen, fiel die Mauer

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In der Serie «20 Jahre Mauerfall» will die Heimatzeitung in den nächsten Wochen die jüngere deutsche Geschichte anhand von Porträts beschreiben. Wir stellen Menschen aus dem Westallgäu vor, deren Leben von der Teilung und der Wiedervereinigung Deutschlands geprägt wurde.

Weiler Sie gingen den offiziellen Weg, wollten ihren damals drei und fünf Jahre alten Töchtern die Strapazen einer Flucht über Ungarn oder die Prager Botschaft nicht zumuten. Als nach über einem Jahr des Wartens der Ausreiseantrag genehmigt wurde, kam Familie Richter von Dresden aus zunächst ins Unterallgäu und erfuhr dort, dass sich wenige Tage nach ihrer Ausreise die Berliner Mauer geöffnet hatte.

«Wir hatten eine schöne Kindheit in der DDR», erinnern sich Ilka und Reiner Richter. Lange Zeit war das Leben dort für sie eine Selbstverständlichkeit, an der sich nicht rütteln ließ. Dann aber stellte der Bruder von Ilka Richter einen Ausreiseantrag.

Die engen familiären Bindungen drohten durch Mauer und Stacheldraht getrennt zu werden, zumal auch die Eltern, schon damals Rentner, in die Bundesrepublik übersiedeln wollten. Die schlechter werdende Versorgung und auch Gedanken über die Zukunft der beiden Töchter Mary und Judy veranlasste das junge Ehepaar 1988, ebenfalls einen Ausreiseantrag zu stellen. «Die durchaus üblichen Repräsalien erlebten wir nicht», erzählen die gelernte Friseurin und der in der DDR ausgebildete Betriebselektriker. «Aber wir galten ab diesem Zeitpunkt als Staatsfeinde», weiß Reiner Richter, der später auch erfahren hat, dass sein Vorgesetzter über ihn an das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) berichtet hat.

So ging das Leben zunächst weiter wie gehabt. Regelmäßig wurde die Familie aber in die «Abteilung Inneres» einbestellt, stets mit der Erwartung, dass der Ausreiseantrag zurückgezogen wird. Das Warten zerrte an den Nerven. Die Ausreisegenehmigung erhielt die Familie Ende Oktober 1989. Dass der Weg im Westen ins Allgäu führen sollte, war klar. Hier lebte schon der Bruder. Doch zunächst ging es in Aufnahmelager in Gießen und wenig später im Unterallgäu. Hier hörten sie im Radio auch vom Fall der Berliner Mauer.

Ein Arbeitsplatz in Röthenbach führte die Familie im November 1989 ins Westallgäu. Hier wurden auch die Söhne Henry und Tony geboren. Seit 1999 leben die Richters in Weiler.

Zweimal erlebte die Familie Schicksalsschläge, die sie zweifeln ließ. Nur wenige Wochen nach der Übersiedelung hatte Reiner Richter einen Arbeitsunfall, bei dem drei Finger abgetrennt wurden. «Da dachte ich, es ist alles zu Ende. Wer will im Westen schon einen Krüppel?», erinnert er sich. Doch zwei der Finger konnten wieder angenäht werden, so dass er seinen Beruf weiter ausüben konnte. 1995 verlor er von einem Tag auf den anderen seinen Job, weil sein Arbeitgeber in Röthenbach in Insolvenz ging. «Wieder erinnerte ich mich an das, was wir in der DDR über den Westen gehört hatten. Dort wurden ja ständig Arbeitslose gezeigt. Und ich hatte Angst, einer von ihnen zu werden», erinnert sich der vierfache Familienvater. Doch der Röthenbacher Bürgermeister Bert Schädler vermittelte den Kontakt zur Hutfabrik Seeberger in Weiler.

Ohne einen einzigen Tag der Arbeitslosigkeit fand Richter dort eine neue Anstellung als Hutmacher.

Das Leben im Westen hat die Familie deutlich geprägt. Mutter Ilka blieb zuhause und kümmerte sich primär um die vier Kinder und den Haushalt. In der DDR hätte sie ihre Kinder an «die Krippe» abgeben müssen, um ganztags zu arbeiten. Und im Westallgäu sind die Richters mit Christen in Kontakt gekommen. So sind sie heute ehrenamtliche Mitarbeiter einer Kirchengemeinde. Der Glaube an Gott hatte für sie in der atheistischen DDR keine Rolle gespielt. Heute bestimmt er ihr Leben im Alltag wesentlich mit.

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