Kempten / Oberallgäu
Alle unter einem Hut

Ein Weihnachtsgeschenk haben Philipp und Celine sozusagen schon im Herbst bekommen. Schließlich hatten sich die beiden ein Geschwisterchen gewünscht. Und nun sitzt an Heiligabend tatsächlich die kleine Sarahlee auf dem Schoß von Vater Manfred Hübler. Philipp (8) und Celine (7) nennen den 45-Jährigen «Papa» - dabei ist er (biologisch betrachtet) lediglich der Vater von Sarahlee. Die Buchenberger sind eine Patchworkfamilie, ein familiärer «Flickenteppich» also, der aus Mama Evelin, ihren beiden Kindern aus erster Ehe, dem neuen Mann Manfred und - seit drei Monaten - der kleinen Sarahlee besteht. Gerade Weihnachten, das Fest der Familie, stellt Patchworkfamilien jedes Jahr vor Herausforderungen: Wer verbringt wo den Heiligabend und was ist mit den Feiertagen?

170000 Kinder sind in Deutschland jedes Jahr von Scheidung betroffen. Damit steigt auch die Zahl der Familien, die nicht mehr im klassischen Vater-Mutter-Kind-System leben, sondern sich eben zu neuen Verbünden zusammenfinden. Genaue Zahlen gibt es nicht. Man geht davon aus, dass bundesweit inzwischen jede siebte Familie «zusammengewürfelt» ist. «Speziell an Weihnachten ist da Organisationstalent gefragt», sagt Klaus Klarer von der psychologischen Beratungsstelle. Immerhin müsse man immer auch für die andere Seite mitdenken und doppelt so viele Beteiligte unter einen Hut bringen wie andere. Kommen die (getrennten) Eltern selbst zu keiner Einigung, kann das Thema Heiligabend schon mal vor dem Familiengericht landen. «Gerade in puncto Feiertage herrscht eine Sentimentalität, die auch zu Problemen führen kann», sagt Familienrichter Christian Roch.

Beispielsweise könne es sein, dass Großeltern unbedingt die Enkel sehen wollen oder der Vater an Heiligabend auf keinen Fall auf seine Kinder verzichten kann - die Mutter aber ganz andere Pläne hat.

Auch bei Mix-Familie Hübler hat der Richter festgelegt, wer wann und wo Weihnachten feiert. «Heiligabend sind die Kinder grundsätzlich bei mir, am ersten Feiertag dann bei ihrem leiblichen Vater», erzählt die 31-jährige Evelin. Es ist das dritte Weihnachten in neuer Konstellation - wobei das Gefühl, eine «echte» Familie zu sein, erst habe wachsen müssen: «Man kann nichts erzwingen und muss die Kinder gut einbinden», ist Manfred Hübler überzeugt. «Ja, ohne die Zustimmung der Kinder hätte es keine Beziehung gegeben», ergänzt Evelin.

Beim Gedanken daran, vor welchen Herausforderungen er vor drei Jahren stand, lächelt Manfred: «Da muss man nach über 40 Jahren plötzlich Dinge wie Geschichten erzählen lernen.» Celine und Philipp jedenfalls freuen sich seit Wochen auf Weihnachten. Schon weil in der Familie viele Traditionen gepflegt werden: Vom Lesen der täglichen Weihnachtsgeschichte über den sorgfältig auf dem Fensterbrett deponierten Wunschzettel bis hin zum Festmahl mit Karpfen (Celine: «die Schuppen trocknen wir und tun sie in den Geldbeutel, weil sie Reichtum bringen»). Dann doch irgendwie ganz normale Weihnachten? «Schon», meinen die Patchwork-Eltern. Nur eben mit viel, viel mehr Organisation.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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