Serie
Alina Niederberger: Vielleicht deswegen

Krimis haben Schüler des Bernhard-Strigel-Gymnasiums im Rahmen ihres Projektseminars verfasst. Nachdem eine öffentliche Lesung in der Buchhandlung Osiander stattfand, veröffentlichen wir eine Auswahl ihrer Werke. Heute ist 'Vielleicht deswegen' von Alina Niederberger dran.

Es war alles in Ordnung, bis ich in die zehnte Klasse kam. Wir sind umgezogen, deswegen musste ich auf eine neue Schule. Ich weiß nicht warum, aber dort mochten sie mich nicht. Es gab ein paar Anführer der Klasse, der Rest waren Mitläufer. Ich war immer eine gute Schülerin, vielleicht deswegen. Die Lehrer mochten mich, vielleicht deswegen. Sie lauerten mir nach der Schule auf, hielten mich fest, und warfen meine Bücher in den Dreck. 'Streber', nannten sie mich. 'Du gehörst nicht hierher', hörte ich jeden Tag. Sie sperrten mich in die Toilette ein, das sei der Platz, wo ich hingehörte. Die Pausen verbrachte ich allein, wenn sie mich ließen. Oft ignorierten sie mich einfach.

Zuhause war ich immer allein. Mutter war nie da. Ich mochte sie nicht. Sie würde dazugehören. Die Anführer waren kreativ, immer hatten sie neue Ideen mich zu demütigen. Ich zeigte irgendwann keine Reaktion mehr. Vielleicht deswegen. Auch sie standen auf der Liste. Die Mitläufer ebenfalls. Vielleicht hätten sie es aufhalten können. Ich war nicht anspruchsvoll. Aber sie verstanden es nicht. Sahen nicht die Entschlossenheit, die Tag für Tag in mir wuchs. Für die Lehrer war ich eine sehr gute Schülerin. Sie sahen nicht, was zwischen den Stunden passierte. Doch sie würden verschont werden. Sie beachteten mich.

Der Gedanke in meinem Kopf hatte lang Zeit, von einem Gedanken zu einem Plan zu werden. Am letzten Tag vor den Weihnachtsferien. Als Racheengel, in all der Sinnlichkeit. Das gefiel mir. Ich hatte mir besorgt was ich brauchte. Mutter war zuhause an diesem Morgen. Es war ihr letzter Morgen. Kurz davor hatte ich ihre volle Aufmerksamkeit. In der Klasse hatten sie Deutsch. Mein Lieblingsfach. Sie hatten mich alle unterschätzt. Jetzt beachteten sie mich. Ich sagte kein Wort. Es dauerte eine Weile, und es war lauter als ich dachte. Sie schrien erbärmlich. Den Lehrer schickte ich raus. Ich hatte abgezählt wie viel ich brauchte. Als ich aus dem Zimmer kam, wartete die Polizei auf mich. Ich wehrte mich nicht. Als ich abgeführt würde, lagen alle Augen auf mir. Ich kam in den psychiatrischen Teil des Gefängnisses. Es war ein sehr schöner Tag für mich. Ich stand im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Manche nannten mich psychisch krank. Vielleicht tat ich es deswegen. Aber vielleicht auch nicht.

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