Füssen
«Afrika! Afrika!» Perfekt, aber nicht wirklich echt

Während bei der stationären Variante der von André Heller konzipierten Show «Afrika! Afrika!» mit enormem Materialaufwand (100 Sattelschlepper) eine Märchenkulisse geschaffen wird, ist die Ausstattung der Tour-Version sparsam: eine Wand aus Bambusstäben, in der Mitte ein Tor. Der Schwerpunkt liegt auf den Darbietungen.

Muskulöse Männer bauen vierstöckige Pyramiden. Der Äthiopier Abdurazak Rashid Adem lässt bis zu zehn Bälle gleichzeitig tanzen, seine Landsfrau Hagernesh Lulu Adamu so ungefähr um jedes Körpergelenk einen Hula-Hoop-Reifen. Die junge Südafrikanerin Nokulunga windet und verknotet sich in Positionen jenseits aller Vorstellungskraft: Das sind artistische Meisterleistungen. Körpersensationen, die einem allerdings auch im chinesischen Nationalzirkus begegnen. Wo ist das spezifisch Afrikanische? Die Hipp-Hopper sind es nicht. Die Gummistiefel-Tänzer, kostümiert als südafrikanische Minenarbeiter, kontrastiert vom steppenden Dandy, sind es auch nicht. Das ist eindeutig Stomp-inspiriert.

Bleibt nur Dickson Openg aus Ghana. Er ist der Einzige, der über eine perfekte Beherrschung seiner Nummer hinaus Charakter und Individualität mitbringt. Er sprudelt Wasserfontänen aus einem scheinbar unerschöpflichen Vorrat aus dem Mund. Er lässt neun Schüsseln gleichzeitig auf Stäben tanzen.

Einer entschleunigt wohltuend

Das Publikum gewinnt der Dicke aber durch seinen Charme, seine augenrollende Mimik - und seine Langsamkeit. Er ist einfach ein verschmitztes Original. Der Archetyp des weisen Narren, der als Gaukler verkleidet in die Welt kommt - und den es nicht nur in der afrikanischen Geschichtenwelt gibt, sondern in jeder archaischen Mythologie, etwa als Angus in der keltischen Bardenwelt. Openg ist ein wohltuender Entschleuniger. Die Tänze hingegen sind eine Art afrikanisches Riverdance.

Unter dem Motto «Tempo, Energie, Ausdruck überschäumender Lebensfreude» ist das bestenfalls auf den ersten Blick beeindruckend. Wer jedoch schon einmal im Original erlebt hat, wie ein Solotrommler und eine Tänzerin sich zur gemeinsamen Ekstase aufpeitschen, für den hat diese auf frontale Bühnenwirkung getrimmte Performance etwas von einem künstlichen Dauergezappel.

Am überzeugendsten sind die reduzierten Momente. Wenn der Virtuose mit der Oberton-Flöte nicht von der Band zugedeckt wird. Wenn zwei senegalesische Sabar-Trommeln erklingen und sonst nichts. Die Musik mit Sängerin, Sänger, Band und dazu noch Trommel-Ensemble versucht den Spagat zwischen Süd- und Westafrika. Heraus kommt Party-Musik, die von der Magie traditioneller afrikanischer Musik wenig wiedergibt.

Dass André Heller mit dieser Show an den Erwartungen des Massenpublikums entlangsurft und dem alten, archaischen Afrika so wenig vertraut, ist schon enttäuschend.

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