Asyl
Afghanischer Bundeswehr-Dolmetscher floh vor den Taliban ins Oberallgäu

Als die Taliban anrufen, weiß Basir Ahmad Ahmadi, dass sein Leben nichts mehr wert ist. Er ist 22 und hat für die Ausländer gearbeitet, für deutsche Bundeswehrsoldaten und für die Amerikaner, im Büro und draußen im Staub Afghanistans. Basir Ahmad Ahmadi ist Übersetzer und sie haben ihn gut bezahlt, 2.000 Dollar im Monat. Nun soll er sterben, wie Mustafa, sein Bruder, drei Monate zuvor. Basir wird fliehen, auf eigene Faust. Heute lebt er im Oberallgäu - und dies ist seine Geschichte.

Offiziell heißt es: Es war Selbstmord. Basir sagt, es waren die Taliban, die seinen Bruder erschossen haben, hingerichtet in jener Januarnacht in Kunduz. Auch er stand im Dienst des westlichen Militärs. 2001 begann der Nato-Einsatz am Hindukusch, 2014 zogen die Soldaten ab.

Zurück blieben die afghanischen Mitarbeiter, in Angst vor den Taliban. Über 1217 afghanische Militärmitarbeiter haben mittlerweile bei der Bundesrepublik um Schutz ersucht, hunderte sind mittlerweile angekommen - wie Basir. 14 000 Dollar hat er den Schleusern bezahlt, doch noch immer fürchtet er sich vor den Taliban. Ihr Anruf ist zwei Jahre her.

Basir hat damals gleich wieder aufgelegt, sie haben Paschtu gesprochen, er spricht Afghanisch, wie im Norden des Landes üblich. Doch die Unbekannten rufen wieder an, dreimal insgesamt, beim letzten Mal drohen sie auf Persisch. Er müsse sterben, wegen seines Jobs. Basir legt wieder auf, wählt die Nummer seines Chefs, ein Amerikaner. Basir ist zu dieser Zeit bei "Dyncorp" angestellt, die private US-amerikanische Militär- und Sicherheitsfirma bildet rund um Kundus einheimische Polizisten aus.

Basirs Chef jedoch macht dem 22-Jährigen wenig Hoffnung: Eine Einreiseerlaubnis in die USA kann dauern, Monate vielleicht. Da ruft Basir in der Hauptstadt Mazar-e-Sharif an, bei einem Bekannten, er soll ihm ein Visum besorgen für den Iran. Basir verabschiedet sich von seiner Familie, dann flieht er, über die iranische Stadt Mashad nach Teheran, dann im Auto eines Schleusers an die türkische Grenze, zu Fuß hinüber, mit einem Schleuser weiter nach Griechenland, von dort nach Österreich und Deutschland.

In seinem Zimmer sitzt Basir auf dem Bett, Metallgestänge, Teppichboden, im Fernsehen läuft ein Billardturnier, er lebt mit anderen Flüchtlingen zusammen. Sicher? Nein, sicher fühlt er sich nicht, sagt er. Da sind Albträume und über seinen Asylantrag haben sie noch immer nicht entschieden - dabei ist er seit Ende 2013 da.

Vor ein paar Tagen hat er wieder mit seiner Mutter telefoniert, seine Familie halte sich in Afghanistan versteckt, aus Angst vor den Taliban. "Was wird aus ihnen?" Er blättert in den Dokumenten aus Afghanistan, er bewahrt sie in einer weißen Mappe auf: Sein Arbeitsvertrag mit der Bundeswehr, Zertifikate seiner Sprachkurse, Schriftstücke seines toten Bruders, ein Empfehlungsschreiben, alte Bilder im Kreis von Soldaten.

Basir ist ein "Altfall", sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Für den 24-Jährigen gilt die "Ortskräfte"-Regel nicht, über die gefährdete Afghanen seit zwei Jahren nach Deutschland kommen können. Die meisten ihrer "Gefährdungsanzeigen" jedoch bleiben erfolglos - mehr als zwei Drittel sind es. Keine Gefahr feststellbar, keine Drohbriefe vorhanden, keine Einschüsse im Auto festgestellt, keine Täter.

Es gebe keinen Nachweis, dass auch nur ein afghanischer Mitarbeiter deutscher Streitkräfte in einem Racheakt von den Taliban getötet worden sei. Für Basir sei nicht mehr die Bundeswehr zuständig, sondern das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, er hätte sich damals in Afghanistan ohnehin an die Botschaft wenden müssen.

Manchmal, in den Nächten, weiß der 24-Jährige selbst nicht mehr, was er glauben soll. Aus dem Ministerium heißt es: "Wir sind uns der Fürsorgepflicht bewusst."

Autor:

Stefanie Heckel aus Kempten

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