Füssen
Ärztehaus, «Kopfprämie» und verschenkte Semmeln

«Es geht nicht um den Luxus eines Berufsstandes - es geht ums nackte Überleben»: Das hatten Anfang des Jahres Ärzte verschiedener Fachrichtungen im Gespräch mit unserer Zeitung betont. Grund war die Reform der Honorare, die bei vielen Medizinern für teils erhebliche Einkommenseinbußen sorgt. Doch wie sieht die Situation neun Monate später aus? Wurde damals nur schwarzgemalt oder haben sich die düsteren Prognosen bestätigt? Womit müssen Patienten künftig rechnen? Das wollte die Allgäuer Zeitung wissen und lud Mediziner zum Redaktionsgespräch ein. Weitere Themen waren die Schweinegrippe, das geplante Ärztehaus oder die von Krankenhäusern angeblich gezahlten «Kopfprämien».

Die Lage: - «Es ist keine Besserung in Sicht, die Lage wird eher schlechter», ist Internist Dr. Andreas Feil, Obmann der Füssener Ärzte-Dienstgruppe, überzeugt. So sei das Regelleistungsvolumen, das die Vergütung ärztlicher Leistungen exakt festlegt, für die niedergelassenen Ärzte seit dem ersten Quartal um rund 20 Prozent gesunken. Noch deutlicher formuliert es Augenarzt Dr. Jürg Brändle: «Ich mache zurzeit 40 Prozent meiner Leistungen umsonst.» Er erhalte einen Grundbetrag pro Quartal, egal ob ein Patient einmal oder zehnmal erscheint. Das sei wie ein Bäcker, der die Hälfte seiner Semmeln verschenke, so Dr. Bernd Rösel.

Die Folgen: «Zwei Arzthelferinnen-Stellen sind bei mir akut gefährdet», sagt Brändle offen. Schon jetzt würden sich viele Berufskollegen aus Kostengründen einen Helfer-Azubi verkneifen, ergänzt Feil.

Und der Patient? «Auch er wird zunehmend Einschnitte zu spüren bekommen», sind Dr. Heiko Thiele und Dr. Katharina Straub überzeugt. Schnellere Entlassungen aus dem Krankenhaus, der Wegfall von Hausbesuchen, Ärzte, die Kranke im Schnelldurchlauf behandeln, weitere Reglementierungen bei Medikamenten - und in den Praxen eine Reduzierung auf Grundleistungen, etwa bei der Gesundheitsvorsorge. «Hier wird jetzt schon rationiert», macht Straub klar. Und Brändle ergänzt: «Dem Patienten wird eine perfekte Versorgung vorgegaukelt, die es so aber nicht mehr gibt.»

Nachwuchsproblem: Die schlechten Bedingungen schrecken laut Rösel immer mehr junge Leute ab, viele Berufsanfänger gingen ins Ausland. «Selbst in attraktiven Regionen wie dem Ostallgäu werden zunehmend Praxen leerstehen und auch die Krankenhäuser werden immer größere Probleme bekommen», befürchtet Thiele. Am Ende werde nur noch Arzt, wer extremen Idealismus besitze. Parallel dazu seien viele altgediente Mediziner finanziell gezwungen, bis Ende 60 oder noch länger zu arbeiten.

Ärztehaus: «Der Konsens ist da: Füssen braucht ein Ärztehaus», sagt Straub. Doch das müsse mitnichten am Krankenhaus stehen, wie es die Politik fordert. «Diese Nähe ist medizinisch nicht nötig», betont auch Thiele. «Viel wichtiger ist eine gute Anbindung an Bus und Bahn», findet Feil. Dass in Füssen inzwischen gleich drei Varianten im Gespräch sind, quittieren die Mediziner mit Kopfschütteln.

«Es gibt nur Bedarf für ein Ärztehaus», sind sie sicher. Und noch etwas sei eindeutig: Nur mit billigen Mieten, wie es ein Investor vorhabe, ließen sich Ärzte nicht locken.

Schweinegrippe: «Wir haben noch immer fast täglich Anfragen», erläutert Thiele - zumeist fürchteten junge Leute eine Ansteckung. Für überzogen halten die Mediziner dabei die Schutzkleidung für das Personal, die bei solchen Untersuchungen vorgeschrieben ist: komplette Overalls samt Mundschutz. «Dabei gibt es nicht einmal einen Impfstoff», ärgert sich Thiele.

«Kopfprämie»: Ärzte, die von Krankenhäusern Geld erhalten, damit sie ihnen besonders lukrative Patienten zuweisen - das halten die fünf Mediziner im Füssener Land für undenkbar. Wenn, dann gebe es solche «Kopfprämien» höchstens in der Nähe großer medizinischer Zentren, ist Brändle überzeugt. An den Ostallgäuer Kreiskliniken habe er jedenfalls nie einen Anhalt dafür gesehen. Wobei sich die Ärzte im Grundsatz einig sind: «Geld macht verführbar - und schwarze Schafe gibt es in jedem Berufsstand.»

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen