Abheben in der Wurstküche

Von Andrea Schauerte | Roßhaupten Seit über 100 Jahren gibt es in Roßhaupten die Metzgerei Kaufmann. Generationen von 'Kaufmännern' lernten das Metzgerhandwerk, der Betrieb blieb in der Familie. Großväter, Väter, Söhne in der direkten Linie der Dynastie arbeiteten mit Brüdern, Neffen und Cousins Hand in Hand. Bis Andreas Kaufmann aus dieser Linie ausscheren und Pilot werden wollte. Das war vor ungefähr fünf Jahren

Heute sitzt Andreas Kaufmann jeden Mittag am großen Tisch in der Küche neben dem Laden. Statt der blauen Lufthansa-Uniform trägt er die weiße Metzgerkleidung mit rotem Revers. Statt im Cockpit arbeitet er in der Wurstküche oder im Schlachthaus. Und statt der Piloten-Lizenz zeigt er voller Stolz seinen Meisterbrief als Metzger. Die Prüfung hat er als Jahrgangsbester 2007 in Bayern bestanden und bekam den Staatspreis. Woher dieser Wandel?

'Wir haben die Kinder bei der Berufswahl nie unter Druck gesetzt', berichtet sein Vater Richard Kaufmann. Es bringe nichts, den Bub in einen Beruf zu zwängen, der ihm dann keinen Spaß macht. 'Und wenn Dir etwas keinen Spaß macht, machst Du es auch niemals richtig', so Andreas. Seine Schwester Kathrin (24) ist Physiotherapeutin. Er wollte halt Pilot werden, das war sein Traum. Nach der Bundeswehr ging er 2001 an die Lufthansa-Schule in Hamburg. Er scheiterte erst in der dritten Eignungs-Testrunde am Multi Task. 'Da haben uns die Mädchen abgehängt. Die können das einfach besser, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu bewältigen', erkennt der 26-Jährige heute neidlos an.

Danach war die Metzgerei immer noch kein Thema für Andreas Kaufmann. Er studierte Lebensmitteltechnik - an der Seite seines Cousins Christof. Der beendete das Studium. Andreas gab es nach zwei Jahren auf: 'Es war schon interessant und hat auch Spaß gemacht. Aber man denkt schon genau drüber nach, was man auf Dauer machen will, was eigentlich geht, was man hat.' Älter war er geworden, reifer. Und so begann er eben doch noch, in die Fußstapfen der Familie zu treten.

Seine Lehre bei der Metzgerei Metz in Kaufbeuren schloss er nach knapp eineinhalb Jahren 2005 mit dem Gesellenbrief ab, arbeitete anschließend zu Hause in Roßhaupten und besuchte ab Januar 2007 die Meisterschule in Augsburg. Das Ergebnis ist bekannt. Seit Mai absolviert Andreas Kaufmann die Betriebswirtschaftsschule, denn ohne das lässt sich ein Betrieb wie die Metzgerei Kaufmann nicht mehr führen.

40 Mitarbeiter, drei Filialen, vier Metzgereien nach dem Franchise-Konzept, Lieferant für Gastronomie und Hotellerie im ganzen Ostallgäu . Pro Tag werden zirka zwei Tonnen Fleisch verarbeitet, pro Woche 40 Schweine und fünf bis sechs Rinder geschlachtet. '80 Prozent aller Metzger können heute gar nicht mehr schlachten. Aber wir legen sehr viel Wert darauf', erklärt der Jungunternehmer. Das wissen auch die Landwirte, von denen die Metzgerei beliefert wird. 'Das ist eine Vertrauenssache, die über Jahrzehnte gewachsen ist und die auch die Kunden schätzen', sagt Andreas Kaufmann. Und er weiß, dass gerade der Metzgerberuf sehr viel Sensibilität und Verantwortung für die Kreatur verlangt.

Dass der junge Mann nun die Verantwortung für den alten Familienbetrieb übernehmen wird, freut vor allem seinen Großvater Georg Kaufmann, Alt-Bürgermeister von Roßhaupten. 'Den Opa hat es schon sehr geschlaucht, als ich nicht Metzger werden wollte', grinst Andreas. Jetzt fährt der Opa, wie Oma Luise bald 80 Jahre alt, noch lieber die Waren im kleinen Kombi aus als bisher. Schließlich sind wieder alle Kaufmann-Generationen da, wo sie hingehören: in der Metzgerei.

Übrigens hebt Andreas Kaufmann auch jetzt noch manchmal ab: Wenn er sich wieder 'für jeden Scheiß' interessiert, wenn er beim TSV Roßhaupten Fußball spielt, mit dem Rennrad unterwegs ist oder mit der Freundin wie demnächst im Januar zum Trecking-Urlaub nach Südöstasien fliegt.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

© Allgäuer Zeitungsverlag GmbH / rta.design GmbH

Powered by PEIQ