Ab heute feiere ich jeden Tag meinen Geburtstag

Von Doris Mayr und Markus Röck | Reutte 'Wenn der Hänger so auf einen zukommt, dann gehen einem alle Gedanken durch den Kopf.' Gerhard Braun (62) saß ganz vorne in dem Reisebus, der am Donnerstagnachmittag auf der Fernpassroute bei Reutte vom Hänger eines entgegenkommenden Lkw von der Fahrbahn geschoben wurde. 'Unser Fahrer hatte keine Chance.' Auch gestern stand Braun noch ganz unter dem Eindruck der dramatischen Ereignisse. Seine Haltung ist gebeugt, sein Blick sinkt immer wieder zu Boden. Dennoch setzt er sich bald darauf wieder in einen Bus, um nach Hause zu kommen. 'Wenn ich jetzt nicht in einen Bus steige, dann nie wieder.' Um den Unfall zu verarbeiten, bei dem ein Mitglied der Reisegruppe aus Baden-Württemberg ums Leben kam und sechs weitere schwer verletzt wurden, sucht jeder seinen eigenen Weg. Ein Teil der Gruppe fuhr zum Wrack ihres Busses, um es noch einmal zu sehen.

Der Unfall ist der dramatische Wendepunkt in der Tradition einer privaten Reisegruppe. Vor mehr als 20 Jahren hatte sie als Ausflug eines Gesangsvereins begonnen. Jedes Jahr war die Gruppe auf Achse. Meist in Richtung Österreich. Die Route und die Quartiere hatte der 69-Jährige ausgesucht, der am Donnerstag ums Leben kam. Auf dem Weg zu einem weiteren viertägigen Aufenthalt in Österreich. 'Wir sind Donnerstagfrüh gegen 6 Uhr in Sinzheim bei Raststatt gestartet und wollten nach Neustift im Stubaital', erzählt Alfons Vogel (64) aus Baden-Baden. Sehr entgegenkommend sei es, dass ihr Hotel ihnen die Stornokosten erlässt. Das Geld will die Reisegruppe den Angehörigen des tödlich Verunglückten zur Verfügung stellen.

Voll des Lobes sind die beiden für ihre Retter und Helfer. 'Die Rettungskräfte waren ganz schnell vor Ort. Es lief alles so glatt wie bei einer Übung', erzählt Alfons Vogel. Der Reuttener Bezirkshauptmann Dr. Dietmar Schennach kam persönlich zur Unfallstelle, um sich der Verunglückten anzunehmen und ihnen Hotelzimmer zu besorgen. 'Wir wollten lieber nicht bei Dunkelheit heimfahren', so Vogel. Am Sammelpunkt Bezirkshauptmannschaft wurde die Gruppe auch vom Kriseninterventionsdienst betreut. 'Eine Frau begleitet uns jetzt sogar nach Hause', sagt Vogel. 35 der 51 Gruppenmitglieder bestiegen gestern den Bus. Die übrigen mussten noch im Krankenhaus bleiben. Darunter auch die schwer verletzte Ehefrau des tödlich Verunglückten.

Gegen den Unfallverursacher aus Ravensburg hegen die beiden unterdessen keinen Groll. 'Der ist schon gestraft', sind sie sich einig. Der Hänger des ins Schleudern geratenen Lkw hatte auch noch einen Pkw aus Island getroffen, der hinter dem Bus fuhr. 'Der Fahrer konnte gerade noch in eine Parkbucht ausweichen', erklärt Vogel, warum dessen zwei Insassen unverletzt blieben. Auch Gerhard Braun hatte Glück. 'Ich hab nur das abgekriegt', erzählt er und zieht Glasscherben aus der Westentasche. 'Ab heute feiere ich jeden Tag Geburtstag.'

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