Kempten
77 Jahre lang schlummerten seine Gedanken im Holz

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Es ist das Jahr 1932. Im ganzen Land herrscht die Wirtschaftskrise und auch in Kempten sind viele Menschen arbeitslos. Ludwig Meggle hat Arbeit. Er ist Maurer. Aktuell arbeitet er an einem Neubau im Stuibenweg. Doch die wirtschaftliche und politische Lage beschäftigt ihn. Sie lässt ihn auch bei der Arbeit nicht los. Und so nimmt er sich irgendwann an einem Tag im Jahr 1932 einen Stift und schreibt auf, was ihn frustriert. Jetzt, 77 Jahre später, fand ein Handwerkerkollege von Ludwig Meggle, Zimmerer Heiko Fischer, die Aufzeichnungen. Auf zwei Stücke Holz geschrieben.

Das Haus im Stuibenweg, das im Jahr 1932 ein Neubau war, wird derzeit gerade komplett saniert. Heiko Fischer, Zimmerer bei Holzbau Bockreiß, war gerade dabei, den Boden zu entfernen, als er im Fehlboden zunächst eine Zigarettenschachtel vom Hersteller Waldorf Astoria - samt Steuermarke mit dem Reichsadler darauf - und dann die beiden Holzstücke entdeckte. «Hungerjahr 1932» steht darauf geschrieben und weiter: «Jahr der Reichstagswahlen und Notverordnungen. Ausführung dieses Neubaus Baugeschäft Menninger 1932. Lohnabbau überall. Schuld daran sind die Nationalsozialisten. Meggle Ludwig, Eich-Hegge.»

Eigentlich, schmunzelt Heiko Fischer, hatte er immer gehofft, bei Sanierungsarbeiten in alten Gemäuern mal einen echten Schatz zu finden. Aber zumindest ein kleiner Schatz seien die Holzstücke ja.

Doch wer war dieser Ludwig Meggle? Recherche bei Dr. Franz Rasso Böck im Stadtarchiv. Er findet heraus, dass Ludwig Meggle am 9. März 1898 in Steig, Gemeinde Waltenhofen, geboren wurde und am 28. August 1922 die zwei Jahre jüngere Anastasia Bauer heiratete. Zunächst war er Hilfsarbeiter und dann Maurer und zog am Tag seiner Hochzeit nach Kempten, wo er ab Juli 1924 bei seinem Arbeitgeber, der Firma Menninger, wohnte. Letztere wurde übrigens im Jahr 1899 erstmals als Baugeschäft Nikolaus Menninger in der Bodmanstraße erwähnt. Seit 1964 wird das Geschäft, das zuletzt in der Vorarlberger Straße ansässig war, nicht mehr genannt.

Und auch von Ludwig Meggle verliert sich die Spur, Umzugsdaten oder sein Sterbedatum liegen nicht vor.

Dafür aber eine Geschichtsfacharbeit, die Volker Deger vom Allgäu-Gymnasium 1993 über «Die Reichstagswahlen in Kempten und seinem unmittelbaren Umland in den Jahren 1930 bis 1932 im Vergleich» abgegeben hat. Von der Wirtschaftskrise schreibt Deger und davon, dass Kempten in seinen beiden Hauptindustriezweigen Textil und Landwirtschaft besonders hart getroffen war. Die Arbeitslosenzahl sei stark gestiegen und habe 1931 mit über 7000 Arbeitslosen ihren Höhepunkt erreicht. Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt.

Ob Ludwig Meggle im Jahr zuvor schon ahnte, was das bedeuten würde? Vielleicht wollte er ja, dass irgendwann jemand seine Aufzeichnungen findet. Vielleicht schrieb sich der Kemptener, der damals Anfang 30 war, aber auch nur seinen Frust von der Seele. Nicht ahnend, dass daraus ein kleiner Schatz werden würde.

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