Erfahrungsbericht
32-jähriger Aussteiger erzählt Schülern von den Verführungen der rechtsextremen Szene

'Die Macht der rechten Szene ist die Angst der anderen Menschen vor ihr', sagt Manuel Bauer. Der 32-jährige Aussteiger aus der Rechtsextremenszene stellte sich Schülerinnen und Schülern am Gymnasium Lindenberg zur Diskussion. Er berichtete über die Szene und sein früheres Leben als Neonazi. Sein Bericht ging unter die Haut, denn er beschrieb authentisch und direkt das Denken und Handeln eines Neonazis. Der aus dem Torgau in Sachsen stammende Maurer ist schon ab dem zwölften Lebensjahr in die rechte Szene abgerutscht. Als einen Grund hierfür nannte er in Lindenberg den Zusammenbruch der DDR.

Das Zerbrechen einer Gesellschaft raube vielen nicht nur den Glauben an ein ganzes System, sondern auch ihre Lebensgrundlage, so Bauer. Schulen schlossen, viele Menschen verloren ihren Arbeitsplatz. So auch die Eltern Manuel Bauers.

Gleichzeitig investierte der Staat in den Ausbau der Asylbewerberheime. Das machte die Menschen wütend und stärkte den Rechtsextremisten den Rücken', erklärte der Aussteiger. Denn Parolen wie 'Arbeit erst für Deutsche' seien hier auf fruchtbaren Boden gefallen.

Mit 14 Jahren beging Manuel Bauer seine erste rechtsextremistische Straftat. Mit zwei älteren Kameraden stürmte er einen nahegelegenen Jugendclub. Anzeigen wegen Körperverletzungen und Vandalismus waren das Ergebnis dieser Nacht. Mit 16 wurde er Junggruppenführer, mit 17 stellvertretender Kameradschaftsführer, mit 18 Kameradschaftsführer in einer rechtsextremen Gruppierung. Immer wieder besuchte er Ausbildungscamps der Neonazis.

Seine Eltern seien machtlos gewesen gegen den Einfluss und die Manipulation der Gruppe, so Bauer im Rückblick. Sogar zu tätlichen Angriffen gegen die Familie sei es gekommen. Statt sich und seine Taten zu hinterfragen, habe er sich wie berauscht gefühlt durch den Zuspruch derer, die er für Freunde hielt. 'Man braucht nicht nachzudenken, das übernimmt die rechte Szene für einen', erzählt Bauer.

Die Basis dieses Denkens sei der pure Hass. Auf alles Normale oder Ausländische soll die Antwort der Neonazis ein Ausdruck des Hasses sein.

Schon für Kinder gebe es Liedmelodien wie die von Pippi Langstrumpf, die zu Hetzkampagnen umgetextet sind und Titel wie 'Hey fauler Türke' tragen.

Mit 21 begann für Manuel Bauer der lange Weg des Ausstiegs. Auslöser sei eine Schlägerei im Gefängnis gewesen. Während des Handgemenges kamen ihm zwei türkische Mithäftlinge zu Hilfe – ein Denkanstoß.

Zusätzlich seien Mitarbeiter von EXIT, einem Aussteigerprogramm für Rechtsextreme, auf ihn zugekommen und hätten mit ihm sein Leben und seine politische Orientierung diskutiert. So allmählich hätte sich seine Sichtweise auf die Gesellschaft geändert.

Gleichzeitig begann er, seine bisherigen Freundschaften und den Begriff der Kameradschaft zu hinterfragen.

Heute lebt Manuel Bauer anonym mit seiner Frau irgendwo in Deutschland. Er muss um sein Leben und das seiner Familienangehörigen fürchten. Inzwischen gilt er als einer der Hauptfeinde der rechten Szene. Dennoch ist er froh über die Wende in seinem Leben.

'Heute gehe ich gerne ausländisch essen: griechisch, chinesisch, italienisch, türkisch ', erzählte Bauer zum Abschluss einer seiner drei Vorträge. Auch hat der Ex-Neonazi versucht, zu einigen seiner Opfer Kontakt aufzunehmen. Viele könnten das nicht, doch einige seien bereit gewesen, mit ihrem einstigen Peiniger zu sprechen. Gespräche die Manuel Bauer tief berührten.

Der junge Mann will Präventionsarbeit leisten mit Fernsehauftritten oder Vorträgen in Schulen. Er möchte, dass Menschen gefeit sind vor den Versprechungen der Rechtsextremisten.

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