1933: SA und SS stürmen das Rathaus und nehmen den OB in Haft

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Von Ralf Lienert | Kempten Für Johann Georg Böck war der 30. Januar 1933 ein ganz normaler Schultag: 'Ich war damals 16 Jahre alt und ging in die Oberrealschule an der Salzstraße. Für uns war die NSDAP kein Thema, wir waren im Jung-Bayern-Bund organisiert.' Heute vor 75 Jahren wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt. Die Machtergreifung wurde in Berlin groß zelebriert. Bald darauf stürmten auch in Kempten SA und SS-Truppen das Rathaus und hissten eine Hakenkreuzfahne.

'Der Tag der Machtergreifung Hitlers ging in Kempten ziemlich geräuschlos über die Bühne', erinnert sich Zeitzeuge Böck: 'Aber später standen vor dem Kaufhaus Woolworth an der Freitreppe SA-Männer mit antisemitischen Plakaten', weiß der 91-Jährige noch genau. Im Kemptener Rathaus regierte damals der seit 1929 auf Lebenszeit gewählte Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt.

Sieg-Heil-Rufe

Am 9. März änderte sich das Bild: Ein Gauredner trat auf den Balkon des Rathauses und sprach vor Tausenden von Kemptenern 'vom Entschluss des deutschen Volkes, dem Volks- und Freiheitskanzler Adolf Hitler zu folgen'. Die Kemptener bekräftigten das 'Treuegelöbnis zu Hitler und dem nationalen Deutschland' mit Sieg-Heil-Rufen. Zuletzt sangen sie - die Hände zum deutschen Gruß erhoben - begeistert das Horst-Wessel-Lied. Merkt protestierte heftig, doch am Ende blieb ihm nur ein schriftliches Verbot: 'Denn die Fahnen sind heute politische, nicht gesetzliche Symbole. Ich aber bin der Hüter des Gesetzes in hiesiger Stadt und habe mich jeglicher politischen Stellungnahme zu enthalten.'

Zwei Tage später besetzte die SS Rathaus, Bahnhof und das Hauptpostamt und die SA stand vor dem Elektrizitäts- und Gaswerk. Merkt wurde für abgesetzt erklärt und in seiner Wohnung von zwei schwer bewaffneten Männern kurzzeitig in Haft genommen. Staatskommissar Hermann Esser aus Kempten (ab 29. April 1933 Ehrenbürger der Stadt) setzte sich für ihn ein.

Einen Querkopf wie Merkt wollte die Partei nicht in ihren Reihen wissen und so flatterte ihm am 5. April ein Brief ins Haus: 'Im Auftrage meiner vorgesetzten Dienststelle habe ich Ihnen mitzuteilen, dass eine Aufnahme Ihrer Person in die NSDAP nicht in Frage kommt.'

Merkt musste am 6. April sein Amt als Kreistagspräsident niederlegen. Er landete für weitere fünf Tage im Gefängnis, wurde dann aber wieder als OB eingesetzt. NS-Kreisleiter Anton Brändle musste dies 'in harter Disziplin hinnehmen', wie er bekannt gab.

'Wir hatten für die NSDAP nichts übrig, mein Vater war für die bayerische Volkspartei', erklärt Böck seine damalige Haltung. Er kam zur Wehrmacht, machte den Krieg mit und kehrte nach fünf Jahren russischer Gefangenschaft heim.

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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