Inszenierte Natur, morbide Gesellschaft

Riezlern/Kleinwalsertal Ein Schlager von 1938 verrät es: 'Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da.' Nein, sie eignet sich auch ideal zum Fotografieren. Mathias Kessler jedenfalls nimmt nachts Landschaften auf. Landschaften, die er zuvor mit gewaltigen Scheinwerfern ausgeleuchtet hat, wie sie für Film-Produktionen verwendet werden, um ein Panorama ins rechte Licht zu setzen.

Auch der Fotograf Mathias Kessler, 1968 geboren und im Kleinwalsertal aufgewachsen, arbeitet wie ein Regisseur. Er inszeniert die Natur. Wie jüngst auf der Kanzelwand. Dort ließ er den Berggrat bis zur Hammerspitze ausleuchten und Skilehrer die Piste in verschiedenen Formationen abfahren. Die Schwünge der Schnee-Sportler sollten dabei an die opulenten Auftritte der Tanzensembles in alten Revue- und Ausstattungsfilmen erinnern.

Denn der Künstler, der sein Studio in New York hat, will in seinem neuesten Projekt eine den menschlichen Ansprüchen angepasste Natur der unberührten gegenüberstellen. So dokumentierte er diesmal einen Panoramablick, der von der technischen Maschinerie eines Skilifts auf der einen Seite bis zum fast jungfräulichen, tiefverscheiten Berggipfel auf der anderen Seite reicht. Erstmals drehte er dabei auch einen Film. Ansonsten war bislang ausschließlich die Fotokamera sein Arbeitsmittel.

Die Familie besaß ein Fotolabor

'Ich bin mit Fotografie groß geworden', erzählt Mathias Kessler bei einem Besuch in seinem Elternhaus in Riezlern. Die Familie hatte ein Fotolabor im Walsertal und eines in Linz. In letzterem arbeitete Mathias Kessler selbst mit - bis der Siegeszug der Digitalfotografie zu einem erheblichen Rückgang der analogen Ausarbeitung sorgte und die Familie zum Verkauf zwang. Damals begleitete Kessler einen Künstlerfreund nach New York. 'Ich wollte für zwei Wochen bleiben', sagt er, 'jetzt sind’s schon zwölf Jahre'.

Mitte der 1990er Jahre entsteht Mathias Kesslers erste Arbeit in New York: 'Networks'. In dieser Serie setzt sich der Künstler, der nur mit herkömmlichen Negativ-Filmen arbeitet, mit den Eigenschaften der digitalen Fotografie auseinander: Er nimmt nachts erleuchtete Gebäude durch ein Moskitonetz auf. So erhalten die Bilder Unschärfen und Anmutungen, als seien sie aus einzelnen Pixeln zusammengesetzt.

Fettleibigkeit ist das zweite Thema, dem sich der Künstler in den USA widmet. 'Die Stadt New York ist dünn, aber das Land ist fett, alles ist aufgeblasen', erklärt er. Um die Jahrtausendwende herum fotografiert er korpulente Körper, die in einer Wanne liegen - eingebettet in Reispudding. Dicke Hände und Oberschenkel oder Halbakte schwimmen darin wie Teile aufgeblähter Wasserleichen an der Oberfläche. Titel: '0 Gravity'.

Flucht aus den USA

Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 legt Kessler das Thema der morbiden Gesellschaft erst einmal beiseite. Er flieht vor dem kollektiven 'patriotischen Aufschrei' aus den USA. Die für sich selbst ausgegebene Parole 'Zurück zum Ursprung' führt ihn in die Natur und zur Landschaftsaufnahme. In Mexiko lichtet er Gebirgsmassive ab, als seien sie in der akribischen Manier Caspar David Friedrichs gemalt.

In Grönland verleiht er aus dem Wasser ragenden Eisplateaus zarte Farbtöne. Die scheinbar unberührte Natur, die sich auf den Aufnahmen aus nächtlichem Dunkel schält, erweist sich dabei als eine vom Menschen geformte Illusion. Die Landschaft wurde mit schwerem Gerät von einem großen Technikteam künstlich ausgeleuchtet.

Warum der ganze Aufwand? 'Nachts hat man die beste Sicht', erklärt Kessler. Physikalisch betrachtet: Kleine Schmutzpartikel steigen in die Atmosphäre auf, größere sinken zu Boden. Die Luft ist gereinigt und zeigt Details nun bestechend scharf. Deshalb standen kürzlich auch Filmscheinwerfer auf der Kanzelwand und beschworen die Zeiten der großen Revuen wie 'Tanz auf dem Vulkan', in der empfohlen wurde: 'Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da '

Autor:

Allgäuer Zeitung aus Kempten

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