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Experten im Allgäu

CMT Rechtsanwälte, Sonthofen
Risiken und Nebenwirkungen der Praxisgründung

Ärztemangel, vor allem im ländlich geprägten Raum, ist seit vielen Jahren ein Thema. Insbesondere für Hausarztpraxen ist es schwer, einen Nachfolger zu finden. Facharztpraxen konzentrieren sich in den größeren Städten. „Praxis-Ketten“ dringen in den Markt und erschweren ebenfalls die strukturierte Nachbesetzung freiwerdender Versorgungsaufträge. So wird die Nachbesetzung offener Versorgungsaufträge immer anspruchsvoller, denn zur Problematik der Nachfolgersuche tritt die je nach Sachlage durchaus berechtigte Sorge des Veräußerers der Praxis und des künftigen Erwerbers, ein aufwändiges, langes Verfahren vor dem Zulassungsausschuss bzw. dem Berufungsausschuss der jeweiligen kassenärztlichen Vereinigung mit sich u.U. anschließendem Gerichtsverfahren mit vielen Unsicherheiten betreiben zu müssen. So scheuen junge Ärzte vielfach den Schritt in die Selbstständigkeit und bleiben lieber in den Kliniken. Auch Fachärztinnen, die nach der langen Ausbildung ein Kind bekommen wollen, ziehen oft die Teilzeitbeschäftigung in der Klinik oder der Pharmaindustrie vor, in der Hoffnung, dass die Tätigkeit in einer Klinik mit einem Familienleben besser in Einklang zu bringen ist. Außerdem ist der Klinikbetrieb abwechslungsreich und bietet viele Möglichkeiten der Weiterbildung, Forschung und Lehre. All das kann eine Praxis in diesem Umfang oftmals nicht bieten.

Work-life-balance und Arbeitsplatzsicherheit:
Vorteil für den angestellten Arzt?

Allerdings hat die Tätigkeit in einer Klinik auch ihre Schattenseiten: Hat man es erst einmal zum Oberarzt in einer Klinik gebracht, besteht immer das Risiko, dass ein neuer Chefarzt sein Team neu strukturieren möchte. Oder die Klinik schließt. Oder sie schafft neue Strukturen, die vielleicht sogar dazu führen, dass ein Chefarzt oder eine ganze Abteilung obsolet werden. Man denke in diesem Zusammenhang daran, dass aktuell die Schließung von Kliniken finanziell von den Ländern gefördert wird.

Was also passiert mit den in den betroffenen Kliniken beschäftigten Ärzten? Oft finden sich diese auf einmal in einer hierarchischen Struktur wieder, die sie längst verlassen zu haben glaubten. Wird diese Situation nicht zwischen der Klinikleitung und den betroffenen Mitarbeitern gut gelöst, sind die Folgen derartiger Strukturänderungen oft unerfreuliche Arbeitsgerichtsprozesse, finanzielle Einbußen und erzwungene Ortswechsel. Auch die Beantwortung der Frage, ob das Familienleben besser mit dem Klinikbetrieb als mit einer eigenen Praxis in Einklang gebracht werden kann, hängt sehr von der jeweiligen Klinik und der Frage ab, wie flexibel dort Dienste gestaltet werden können. Möchten oder können sich junge Eltern nicht mehr ausreichend an Diensten in der Nacht oder am Wochenende beteiligen, entstehen Konflikte, deren Lösung schwer ist, wenn im Team keine Einigung erzielt werden kann. In einer eigenen Praxis kann man hingegen selbst gestalten und organisieren.
Lösungen können in der Anstellung eines weiteren Arztes oder in einer Partnerschaft mit ähnlichen Interessen liegen. Zu leistende Dienste sind deutlich überschaubarer. Der Preis für diese gestalterische Freiheit ist es aber, dass der Praxisinhaber die Kosten oder den Einnahmeausfall tragen muss.

EBM, GOÄ, KV-Recht, etc. Wie behält der Praxisinhaber den Überblick?

Neben den eingangs aufgezeigten Sorgen um in Frage kommende Praxisnachfolger tritt das Gespenst der Bürokratie: Welcher angehende Facharzt kennt sich schon mit den Tiefen des Einheitlichen Bewertungsmaßstabs (EBM) oder der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) aus? Hier helfen zwar Abrechnungsprogramme und erfahrene medizinische Fachangestellte. Der EBM und die GOÄ bieten dennoch eine Vielzahl von Fallen, die zu fehlerhaften Abrechnungen führen können. Da eine Rechnung grundsätzlich richtig zu sein hat, droht dem Arzt im Falle einer falschen Abrechnung ein Strafverfahren wegen Betruges. Außerdem sind die Tücken des KV-Rechts dem sich mit der KV erstmals befassenden Arzt oft unbekannt. So sind z.B. bestimmte ärztliche Leistungen durch die Kassenärztliche Vereinigung genehmigungspflichtig. Wird etwa ein genehmigtes CT durch ein neues Gerät ersetzt, müssen die daran tätigen Ärzte ebenfalls ihre Genehmigungen aktualisieren. Vergisst man das, droht der Verlust der Vergütung. Das Strahlenschutzrecht ist für den Arzt nahezu unüberschaubar geworden. Eine erste Beschäftigung mit dem Thema lässt manchen angehenden Radiologen im Schockzustand zurück. Hygienevorschriften und das Recht des Datenschutzes sind ebenfalls komplexe Materien mit umfangreichen, detaillierten Regelungen – dies alles vor dem Hintergrund, dass Gegenstand der ärztlichen Ausbildung primär die Medizin ist, und nicht die Praxisorganisation, das KV-Recht, Strahlenschutzverordnungen, Arbeitsrecht, Mitarbeiterführung, usw. usw. So steht also der sich mit der Selbstständigkeit erstmals befassende Arzt heute vor einer Vielzahl von Fragestellungen, deren Beantwortung für ihn kaum zu bewältigen erscheint, weshalb es nicht verwundert, dass Ärzte den auf den ersten Blick einfachen Weg wählen und angestellter Arzt in einer Klinik bleiben, in die Industrie oder zum medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) gehen.

Vorhandene Praxis übernehmen

Dennoch gibt es „Unerschrockene“, die den Schritt in die Niederlassung wagen und sich in der Regel schon nach kurzer Zeit nicht mehr vorstellen können, jemals wieder abhängig beschäftigt zu sein.
Will sich ein Arzt niederlassen, stellt sich in einem ersten Schritt die Standortfrage. In Betracht kommen die Übernahme einer Praxis, der Einstieg in eine bestehende Praxis oder eine komplette Neugründung, soweit ein freier Versorgungsauftrag vorhanden ist. Soll eine vorhandene Praxis übernommen oder in eine bereits bestehende Praxis eingestiegen werden, sind in der Regel bereits solide Ertragszahlen der jeweiligen Praxis vorhanden, die die Kalkulation der zu erwartenden Gewinne vereinfachen. Nach der Kalkulation des zu erwartenden Ertrages muss sich in einem weiteren Schritt der künftige Erwerber fragen, was er bereit ist, für die Praxis zu zahlen. Es gibt mehrere Möglichkeiten, den Wert einer Praxis zu ermitteln. Dieser von Fachleuten ermittelte Wert kann aber immer nur ein Anhaltspunkt sein.
Entscheidend ist letztlich die Frage, ob unter Berücksichtigung aller Verbindlichkeiten ein ausreichender Ertrag übrig bleibt. Ein hoher Einstiegspreis einer finanziell attraktiven Praxis kann also dazu führen, dass der Erwerb im Falle der Vollfinanzierung des Kaufpreises wirtschaftlich nicht sinnvoll ist. Das kann vor allem dann der Fall sein, wenn der Arzt plant oder dazu gezwungen ist, teure neue Geräte anzuschaffen oder zwingend Rücklagen für den möglichen Ausfall älterer vorhandener Geräte anlegen muss, die im Ergebnis dazu führen, dass die Praxis nicht wirtschaftlich betrieben werden kann.

Förderungen der KV möglich

Vor diesem Hintergrund kann eine Praxisgründung in unterversorgten Gebieten durchaus interessant werden. Für eine Praxis ist dort in der Regel trotz guter Ertragslage deutlich weniger zu zahlen, oder es wird direkt der Versorgungsauftrag beim Zulassungsausschuss der jeweiligen KV beantragt. Der zunächst zu erwartende Ertrag ist dann geringer, allerdings sind auch die Einstiegskosten meist deutlich niedriger. Möglich sind je nach Region und Fachgebiet auch Förderungen der KV oder der Gemeinde. Steht fest, welche Praxis übernommen werden soll, muss in der Regel das Verfahren vor dem jeweiligen Zulassungsausschuss in die Wege geleitet werden. Für dieses Verfahren empfiehlt es sich, noch einmal ein gutes halbes bis etwa einem Jahr einzuplanen.

Zulässige Gründungen

Vorsicht ist geboten, wenn von Anfang an Kooperationen mit Kliniken, anderen Ärzten, Labor- oder Apparategemeinschaften eingegangen werden sollen. Diese Gründungen müssen berufsrechtlich und vertragsarztrechtlich zulässig sein. Seit 2016 sind sie außerdem daraufhin zu überprüfen, ob es sich im strafrechtlichen Sinne um eine zulässige Zusammenarbeit handelt. So kann es z.B. für einen Neuein- steiger wirtschaftlich sehr interessant sein, in einer Klinik die Patienten der Praxis zu operieren. Diese Form der Zusammenarbeit zwischen Klinik und Praxis ist aber nur in einem engen Rahmen außerhalb des Belegarztwesens zulässig und unter Umständen sogar strafbar.

Fazit: Die Gründung einer Praxis ist immer spannend, immer ein positives Erlebnis, wenn eine Nachfolge gut geregelt oder sogar quasi „aus dem Nichts“ eine Praxis zum Leben erweckt wird und in unterversorgten Gebieten wieder medizinische Versorgung vorhanden ist. Für den Arzt ist die Gründung daher eine echte Alternative zur Anstellung in einer Klinik.

Fachbeitrag von: Eva Wehmeyer, CMT Rechtsanwälte/Sonthofen

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