Allgäu
Der ESVK ist Kult, das Stadion auch

In unserer Serie, die in loser Folge erscheint, gehen wir der Frage nach, welche Sporthallen im Verbreitungsgebiet das Zeug zum Hexenkessel haben, und wo die Stimmung zum Einnicken ist. Am Ende verteilen wir für den Gesamteindruck eine Schulnote. Heute sehen und hören wir uns beim ESV Kaufbeuren um.

Die Halle: Für die einen eine baufällige Bruchbude, für die anderen ein altehrwürdiges Schmuckstück. Für einen echten ESVK-Fan jedoch nicht denkbar, das offene Stadion mit all seinen Erinnerungen jemals gegen eine geschlossene, moderne Eventhalle einzutauschen. Als Kompromiss hat der Verein vor einigen Jahren einen schicken Anbau mit Glasfassade an ein Kopfende gesetzt.

Das Einlaufen: Licht aus, Wunderkerzen an, die Fanklubs schwenken riesige Fahnen und dramatische Musik läuft, oder anders formuliert: Es ist angerichtet!

Die Stimmung: Das Publikum in Kaufbeuren ist treu und laut, kann jedoch auch ungeduldig sein.

Hunderte von «Co-Trainern» mit jahrzehntelanger Tribünenerfahrung wissen stets besser als der aktuelle Coach, was zu tun wäre - und tun dies mehr oder weniger lautstark kund. Normalerweise ist die Atmosphäre toll und sorgt für einen echten Heimvorteil. Der junge Fanclub «Jokeria» ist dabei das Kreativzentrum neuer Gesänge und inzwischen auch das Herzstück der Anfeuerung. Vor allem wenn das Stadion ausverkauft ist, ist die Stimmung einzigartig - zwei Stunden Dauer-Gänsehaut inklusive. Daher bekam das Stadion am Berliner Platz bereits in den 1980er Jahren den Beinamen Hexenkessel.

Der Kultfaktor: Der ESVK ist Kult und das Stadion natürlich auch. Es wird immer schwieriger, im hochklassigen Eishockey eine solche Sportstätte zu finden. Der Name «Sparkassen-Arena» führt etwas in die Irre, denn Kaufbeuren ist alles andere als ein Riesenstadion mit Theater-Atmosphäre. Vieles atmet hier noch den Geist alter Glanzzeiten. Die Trikots unter dem Dach verweisen auf Idole früherer Jahre, die vielfach noch auf der Tribüne anzutreffen sind. Hier geben sich aktuelle und frühere Nationalspieler, DEL-Cracks und auch mal NHL-Spieler wie Alexander Sulzer die Klinke in die Hand.

Die Kleidung: Nichts für blutige Anfänger. Die Klamottenwahl will gerade in den frostigen Wintermonaten gut durchdacht sein. Wer jetzt noch Laufsteg-Ambitionen hat, muss leiden können. Das Stadion entpuppt sich bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt als Eisschrank. «Wir haben eiskalte Füße» singen deshalb die Fans gerne einmal. Zum Glück gibt es im und beim Stadion sowie in der Altstadt viele Kneipen, um sich hinterher sanft auftauen zu lassen.

Der Sachverstand: Eishockey ist ein Sport mit vergleichsweise komplexem Regelwerk, doch für das Joker-Publikum kein Problem. In Kaufbeuren wird man damit noch vor den vier Grundrechenarten konfrontiert. In knappen Situationen weicht die Fachkundigkeit jedoch gerne mal der Antipathie für einen Gegner oder Schiedsrichter.

Geht gut: Aus einem internationalen Pool an Fast-Food-Speisen ein kalorienbombiges Menü zusammenstellen. Vom türkischen Kebab über die italienische Pizza bis zur typisch deutschen Stadionwurst ist alles zu bekommen. Seit die Drittelpausen 20 Minuten dauern, hat man auch genügend Zeit, mehrmals zuzuschlagen.

Geht gar nicht: Mit einem Trikot des EV Füssen oder der Augsburger Panther in den rot-gelben Fanblock stehen. Sehr gefährlich.

Das gibts nur hier: Für alle Nikotinsüchtigen eines der wenigen Refugien im öffentlichen Raum, wo man zur Suchtbefriedigung nicht vor die Tür geschickt wird. Hier bin ich Raucher, hier darf ichs sein.

Geeignet für: Alle, die sich im Winter auch bei unter null Grad noch aus dem Haus trauen. Eishockey in Kaufbeuren ist dabei eine echte Familienangelegenheit. Seit Generationen wird die Leidenschaft für den schnellen Kufensport weitergegeben. Sicher ein ganz großes Geheimnis der besonderen Tradition des ESVK. Und der Sport bietet genug Gesprächsstoff an den Stammtischen bis zum nächsten Heimspiel.

Das Fazit: Wer in den goldenen 80er Jahren im Stadion war, weiß natürlich, dass der Hexenkessel inzwischen ein paar Grad heruntergekühlt ist. Nichtsdestotrotz ist noch genug Dampf da, der den Gegnern das Fürchten lehrt. Würden die ESVK-Fans auch zuhause so eine gigantische Stimmung verbreiten wie auswärts, wäre es eine glatte 1. So aber belassen wir es bei einer 2, da es oft genug auch recht leise Spiele gibt.

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