Warten auf das Paradies

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen. Mit der Bahn sowieso. Nicht nur, wenn gestreikt wird. Auch an einem ganz normalen Tag. Zum Beispiel gestern auf einer mehr als achtstündigen Fahrt von Bonn nach Kempten. Wieso acht Stunden? Laut DB-Reiseplan sollte die Gesamtfahrzeit eigentlich exakt fünf Stunden und elf Minuten dauern. Doch dann kam alles anders. Irgendwie zog sich die Tour in die Länge. Was war passiert?

Streik? Nein, gestern nicht.

Zeitumstellung nicht gepackt? Könnte sein. Vielleicht haben die bei der Bahn die Uhr zwei Stunden zurückgedreht.

Nein, mal ganz im Ernst: Gestern konnte der geschätzte Bahnkunde auf einigen Nord-Süd-Fernverkehrsstrecken vielleicht schon mal das erleben, was möglicherweise dann kommen könnte, wenn auch im Fernverkehr gestreikt wird.

'Regionalbahn 11915 nach Koblenz, planmäßige Abfahrt sieben Uhr fünfunddreißig hat heute zwanzig bis fünfundzwanzig Minuten Verspätung.' Das war die Startansage am gestrigen Morgen auf der Abenteuer-Tour von Bonn-Mehlem nach Kempten/Allgäu.

Wer so ins Rennen geht, der muss auf seiner Reise einen gewissen Domino-Effekt befürchten. Ein Zug nach dem anderen fährt Dir vor der Nase weg. So wie die Domino-Steinchen nacheinander umfallen, wie von Geisterhand gesteuert.

Endlich mit viel Verspätung in Koblenz, wo der freundliche Bahnbedienstete im Service-Center Optimismus ausstrahlt und mit Blick auf den Computer-Bildschirm den aufgeregten Bahnkunden beruhigt: 'Es sieht gut aus'. Er verweist auf die Möglichkeit, mit dem Intercity nach Mainz zu fahren, dann mit einer Regionalbahn nach Darmstadt, über Mannheim mit dem ICE nach Ulm. Doch auch daraus wird nichts, weil besagter Intercity viel zu spät kommt - Domino-Effekt eben.

Generell hilfreich bei der Bahn in solchen Situationen: Gute Geographie-Kenntnisse können die oft kurzfristig auf dem Bahnsteig zu treffende Entscheidung, wo man (nicht) einsteigen sollte, erheblich erleichtern.

Dann eine Stunde Aufenthalt in Mainz, in Mannheim, in Ulm.

Ja, ja, sagt sich der Fahrgast. In Ulm bist Du als Allgäuer ja schon fast zu Hause. Fast, aber eben nicht ganz. Die meisten Fernreisenden müssen hier warten, wenn sie ins Allgäu wollen. So will es der Fahrplan. Vielleicht soll dies ja auch so etwas sein wie die letzte große Prüfung vor dem Eintritt ins Paradies.

Inzwischen ist es spät geworden. Unser Bahnreisender träumt längst von den oft gehörten Lautsprecherdurchsagen: 'Wir verabschieden uns von unseren Fahrgästen und bedanken uns für Ihre Reise mit der Deutschen Bahn. Wir bitten Ihre Unannehmlichkeiten durch die Verspätung zu entschuldigen und wünschen Ihnen noch einen schönen Tag.' Danke auch, es reicht für heute! Michael Munkler

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