Allgäu
Von Krise keine Spur

Die Finanzkrise hat dem Allgäuer Kulturleben so gut wie nichts anhaben können. Dies ist das ebenso erstaunliche wie erfreuliche Resümee im Rückblick auf das Jahr 2009. Im Großen und Ganzen sind die Festivalmacher, Konzertveranstalter, Theaterdirektoren und Ausstellungsorganisatoren in der Region ungeschoren geblieben. Die öffentlichen Hände und privaten Geldgeber reduzierten nur in einzelnen Fällen ihre Zuwendungen. In existenzielle Nöte hat das offensichtlich niemanden gebracht.

Auch das Publikum ist treu geblieben. Von Besucherschwund war 2009 kaum die Rede, eher von Zuschauer- und Zuhörer-Rekorden.

Wenn Kunst und Kultur derzeit Gefahr droht, dann auf einem Nebenschauplatz: den Schulen, vor allem den Gymnasien. Viele Lehrer beklagen - meist hinter vorgehaltener Hand -, dass die naturwissenschaftlich-mathematischen und technischen Fächer an Gewicht gewinnen, und im Gegenzug der Kunst- und Musikunterricht - zumal durch das neue, achtstufige Gymnasium - zurückgedrängt werden. Nachmittagsunterricht und ständig wachsender Leistungsdruck lassen den Kindern immer weniger Zeit und Energie fürs Musikmachen oder Theaterspielen.

Der Augsburger Weihbischof Dr. Anton Losinger, unter anderem Mitglied im Deutschen Ethikrat, warnte neulich in Marktoberdorf vor einem einseitig ausgerichteten Unterricht, der immer mehr die Oberhand gewinne gegenüber einer ganzheitlichen Bildung. Singen und Musizieren sei, so Losinger, «unersetzlich für die Seelenbildung der Kinder».

Bildung wird zunehmend auf Ausbildung reduziert. Kunst und Kultur, aber auch Ethik und Religion sowie Politik und Geschichte werden auf Nebenbühnen und in Nischen gedrängt.

Große Musical-Projekte

Doch die Lage ist alles andere als eindeutig. Es gibt nämlich auch gegenläufige Strömungen. Rufen wir uns nur einmal die vergangenen Wochen in Erinnerung. Viele Schulen luden zu adventlichen Vorspielen und weihnachtlichen Konzerten ein. Hunderte von Schülerinnen und Schülern sangen und musizierten - oft auf erstaunlich hohem Niveau.

Oder denken wir an die großen Musical-Projekte am Gymnasium in Marktoberdorf und bei der Musikkapelle Hirschzell (einem Stadtteil von Kaufbeuren). Dort traten Kinder und Jugendliche mit handwerklicher Präzision und künstlerischem Anspruch vor das Publikum. Unzählige Stunden hatten sie vorher geprobt, um möglichst perfekte und ergreifende Vorstellungen zu geben.

Erfolgreiche Kinderkonzerte

Und noch ein positives Beispiel: Die vom Allgäuer Tonkünstlerverband in der Kemptener Klassikbox organisierten Kinderkonzerte erfreuen sich eines ungeheuren Zuspruchs. Wochenlang bereiten sich Lehrer und Schüler intensiv auf ein klassisches Musikstück vor. Bei den Konzerten am Sonntagnachmittag, also abseits des regulären Unterrichts, sind sie mit Begeisterung dabei.

Welchen Schluss kann man aus solch unterschiedlichen Beobachtungen ziehen? Vielleicht den, dass Kunst und Kultur immer wieder aufs Neue verteidigt werden müssen gegen jene, die eine durch und durch rationalisierte Welt wollen, und gegen jene, die der Kraft der Fantasie nicht trauen und lieber einer berechenbaren Sachlichkeit huldigen.

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