Und plötzlich brannte Lenzfried

Von Freddy Schissler | Allgäu Am Wochenende wird das Allgäu brennen. Bevor der ein oder andere Leser in Panik verfällt, folgt sogleich die Auflösung: In zahlreichen Gemeinden der Region wird das Funkenfeuer entzündet, und da jeder Ort stets Fachleute rund um die mitunter riesigen Funken postiert, gibt es keinen Grund zur Besorgnis, wenn sich am Samstag und Sonntag meterhohe Flammen dem Himmel entgegenstrecken.

Jochen König befiel freilich vor vielen Jahren die Angst, eine ganze Gemeinde könnte womöglich in Flammen stehen. Der renommierte Heimatforscher lebte einige Jahre bei Marktoberdorf, und als er 1964 beruflich nach Lenzfried zog, erschrak er eines Abends: 'Aus der Ferne sah ich meterhohe Flammen und vermutete sofort: Lenzfried brennt!' An ein Funkenfeuer hatte er nicht gedacht, denn so etwas gab es damals in und um Marktoberdorf nicht.

'Dieser Brauch', sagt König, 'ist vor allem im Oberallgäu verbreitet.' Weshalb, weiß auch der Heimatforscher nicht so genau. Aber er ahnt: 'In diesem Teil des Allgäus waren die Winter immer besonders hart.' Und dass das Funkenfeuer den Winter vertreiben soll, ist zwar nicht wissenschaftlich bewiesen, aber doch sehr wahrscheinlich.

Nun, die Zeiten ändern sich, und so hat sich die Tradition, nach dem Fasching auf einer Anhöhe ein riesiges Feuer zu entzünden, auch in mancher Gemeinde des Ostallgäus breit gemacht. Wobei es laut König ursprüngliche Rituale schon lange nicht mehr gibt. Zum Beispiel dieses: Ein Paar muss übers Feuer springen, dann ist ihm gewiss, dass die Liebe lange hält. Schwierig und nicht unbedingt zu empfehlen in Zeiten, in denen die Flammen nicht selten 10 oder 20 Meter hoch schlagen.

Im Kleinwalsertal, weiß Jochen König, stellen sie in dieser Hinsicht jedes Jahr neue Rekorde auf: 'Bis zu 40 Meter ist das Feuer - Wahnsinn!' Das haben er und seine Kollegen einer Funkenfeuer-Jury vor einigen Jahren festgestellt, als sie die hölzernen Bauwerke verschiedener Gemeinden unter die Lupe nahmen. Ein anderer Spruch aus früheren Zeiten lautet: 'A Funkenasche bringt 10 Garben mehr'. Weshalb die Bauern einst die Asche des Funkens auf ihre Felder streuten.

Wo sich Jochen König am Wochenende am Funkenfeuer wärmen wird? 'Weiß ich noch nicht', sagt er. Vielleicht werde er sich ins Auto setzen und durchs brennende Allgäu fahren. 'Diesmal allerdings, ohne einen Schrecken zu bekommen.'

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