Reich an Details

Viel neues Material im Band 2 der Memminger Geschichte. Von unserem Mitarbeiter Robert Steuer Memmingen Das Warten hat sich gelohnt: Der mit mehrjähriger Verspätung erschienene zweite Band der 'Geschichte der Stadt Memmingen' bringt auf über 900 Seiten nicht nur eine umfassende historische Darstellung der knapp 150 Jahre zwischen dem Ende der Reichsstadtzeit und dem Zusammenbruch der Naziherrschaft. Er präsentiert sich zugleich als spannendes Lesebuch der jüngeren und jüngsten Memminger Geschichte. Dabei werden auch die dunkelsten Kapitel der Vergangenheit aufgeblättert, was freilich nicht überall auf ungeteilte Begeisterung stoßen dürfte.

Im Gegensatz zum ersten Band, der eine ganze Reihe von Autoren ausweist, lag der zweite Band allein in Händen des Münchner Privatdozenten Dr. Paul Hoser, der als versierter Historiker und ausgewiesener Nicht-Memminger eine objektive und umfassende Darstellung der schwierigen Materie vorgelegt hat. Hoser wertete dazu eine unglaubliche Fülle von Quellenmaterial aus, das bisher noch kaum herangezogen wurde. Wie sehr er sein Augenmerk auf die Zeit der Nazi-Herrschaft gerichtet hat, geht allein schon aus dem Umfang der betreffenden Kapitel hervor: Von der 285 Seiten umfassenden Darstellung der allgemeinen Geschichte zwischen 1803 und 1945 sind weit über 100 Seiten den zwölf Jahren des 'Tausendjährigen Reiches' gewidmet.

Mit einem bisher nie gelesenem Detailreichtum schildert Hoser den Beginn der braunen Herrschaft in der Nazihochburg Memmingen Seit 1931 bekleidete das Amt des Bürgermeisters Dr. Heinrich Berndl, der bekanntlich auch von 1952 bis 1965 wieder die Amtskette trug. Berndl, dessen mutiges Auftreten die Stadt 1945 unbestritten vor der Zerstörung durch die Amerikaner rettete, zeigt nach Hosers Erkenntnissen ausgesprochen doppelgesichtige Züge. Einerseits erfüllte er viele Wünsche der Nazis in vorauseilendem Gehorsam und bediente sich hemmungslos, wenn es darum ging, Grundstücke und Gebäude von Juden, die ihr Geschäft aufgrund der nationalsozialistischen Zwangsmaßnahmen hatten aufgeben müssen, 'weit unter dem Marktwert' in die Hände der Stadt zu bringen. Auf der anderen Seite belegt Hoser mehrere Fälle, in denen sich Berndl für Verfolgte und Bedrängte einsetzte, wenn auch stets darauf bedacht, seine eigene Person nicht zu gefährden.

Doch die Geschichte Memmingens besteht natürlich nicht nur aus den mitunter absurd komischen, meist aber von erschreckender Brutalität oder Mitläufertum geprägten Ereignissen, die in der 'judenfreien' Stadt und im Bombenhagel der Alliierten endeten. Hoser berichtet kenntnisreich vom Verlust der Reichsfreiheit, vom spießbürgerlichen Untertanengeist, im frühen 19. Jahrhundert und vom wirtschaftlichen und geistig-kulturellen Wiederaufstieg nach dem Bau der Eisenbahn. Auch die bewegten Jahre der Weimarer Republik werden ausführlich abgehandelt. Was jedoch das Werk so wertvoll macht, sind die Einzeluntersuchungen (Finanzen der Stadt, Sozialpolitik, sozialen und kirchlichen Verhältnisse , Müllabfuhr. . .)i Paul Hoser 'Die Geschichte der Stadt Memmingen ­ Vom Neubeginn im Königreich Bayern bis 1945, herausgegeben im Auftrag der Stadt Memmingen von Hans-Wolfgang Bayer in Verbindung mit Uli Braun, erschienen im Konrad Theiss Verlag, Stuttgart; 922 Seiten. Gesamtherstellung: Memminger Medien Centrum AG. Hakenkreuz-Fahnen an Memminger Häuserfronten: ein Gutteil des zweiten Bandes der Stadtgeschichte ist der Nazi-Zeit gewidmet.

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