NS-Zeit rückt ins Blickfeld

Streit um Rolle von Memmingens Alt-OB ­ Grüne fordern Umbenennung von Platz. Von Helmut Kustermann Memmingen In Memmingen wird derzeit über den Nationalsozialismus gesprochen: Nach Veröffentlichungen im zweiten Band der Stadtgeschichte wollen die Grünen-Stadträte einen anderen Namen für den nach dem früheren Bürgermeister Dr. Heinrich Berndl benannten Platz. Für Dr. Paul Hoser, Autor der Stadtgeschichte, war Berndl während der NS-Zeit ein 'willfähriger Handlanger des Kreisleiters'. Berndls Kinder wehren sich massiv dagegen und werfen Hoser vor, Behauptungen zu verbreiten, 'die nicht den Tatsachen entsprechen'.

Berndl war Memminger Bürgermeister von 1931 bis 1945 und später Oberbürgermeister von 1952 bis 1966. Während des Dritten Reiches gehörte er der NSDAP an, nach dem Krieg trat er der CSU bei. Berndl sei in der NS-Zeit 'furchtbar besorgt' gewesen, dass die Nationalsozialisten mit seinen Entscheidungen einverstanden sind, sagt Hoser. So habe er bei einer Ausgangs-Sperre für Juden eine rigorosere Regelung getroffen als der Reichsführer SS. Auf Initiative des Bürgermeisters sei jüdischen Auswanderern eine Reihe von Kunstgegenständen abgenommen worden. In der Stadtgeschichte heißt es, Berndl habe nach der Gleichschaltung des Stadtrates von einem 'leichteren und schnelleren Durchgreifen' gesprochen. Nach einem Empfang bei Hitler habe der Bürgermeister dessen 'durchgeistigten Hände' gerühmt und von einem 'beglückenden Gefühl' gesprochen, mit dem 'Führer des deutschen Volkes' zusammengetroffen zu sein.

Auf der anderen Seite habe sich Berndl während der NS-Zeit auch Verdienste erworben, sagt Hoser. So habe er Menschen geholfen, aus dem Konzentrationslager freizukommen, und 1945 die Zerstörung Memmingens verhindert. 'Er hat die Verteidigung der Stadt nicht mehr unterstützt', so der freie Historiker aus München. In der Zusammenfassung ist Berndl für Hoser eine 'Person im Zwielicht'. In einer Diktatur könne man wohl auch keine hohe Position bekleiden, ohne sich die Hände schmutzig zu machen.

'Nichts zu verheimlichen'

Die Kinder des Alt-Oberbürgermeisters, der 1973 starb, greifen Hoser an. 'Verfälschte Darstellungen durch Weglassen' moniert Ernst Berndl. Der Autor des von der Stadt in Auftrag gegebenen Geschichtsbandes habe es versäumt, mit neutralen Zeitzeugen zu sprechen. Die Berndl-Kinder stünden einer Aufarbeitung der Geschichte nicht im Weg: 'Es gibt nichts zu verheimlichen.'

Eine Spruchkammer im Entnazifizierungs-Verfahren habe ihren Vater nach dem Krieg voll entlastet, schreiben die Kinder in einer Stellungnahme. Dabei seien 'eidesstattliche Erklärungen von namhaften und unbelasteten Memminger Bürgern aus der NS-Zeit' gewürdigt worden. Nachdem die Kinder des früheren Bürgermeisters mit einer Unterlassungsklage gedroht hatten, gab auch Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger (SPD) eine Erklärung ab. Darin heißt es unter anderem, dass er 'die Äußerungen des Verfassers' der Stadtgeschichte bedauere. Er stimme mit der Berufungsinstanz im Spruchkammer-Verfahren überein, wonach Berndl sein Amt auch während des Dritten Reiches 'untadelig' geführt habe. Ihm sei es in der Erklärung darum gegangen, mit einer 'rein juristischen Wertung' einen Amtsvorgänger in Schutz zu nehmen, so Holzinger.

Er bleibe dennoch bei seinem Standpunkt, hält Hoser dagegen. Dokumente, die er ausgewertet habe, seien der Spruchkammer damals nicht vorgelegen. Unterstützung erhält der Historiker von Prof. Dr. Rolf Kießling, dem Vorsitzenden des 'Memminger Forums für schwäbische Regionalgeschichte'. Spruchkammer-Verfahren seien 'nicht ausreichend relevant für die Ermittlung der historischen Wirklichkeit'.

Das Buch über die Stadtgeschichte ist zum Politikum geworden. Nach dem Stand der Forschung sei es nicht mehr angebracht, eine Straße und einen Platz nach Berndl zu benennen, sagt Grünen-Kommunalpolitiker Herbert Diefenthaler. Wie die anderen Stadträte seiner Partei spricht er sich dafür aus, dem Platz einen anderen Namen zu geben. Hier biete sich beispielsweise die Möglichkeit, an Opfer des Faschismus zu erinnern.

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