Sulzberg
Nanga-Parbat-Film: «Vieles ungenau oder unzutreffend»

Eigentlich will Berg- und Dokumentarfilmer Gerhard Baur aus dem Oberallgäuer Sulzberg die Geschichte nicht immer wieder aufwärmen. Eigentlich - doch durch Joseph Vilsmaiers Film «Nanga Parbat» geht der Streit zwischen Reinhold Messner und den noch lebenden Teilnehmern der Nanga-Parbat-Expedition von 1970 in eine neue Runde.

 Der Film ist seit vergangenem Donnerstag auch in mehreren Allgäuer Kinos zu sehen. Darin geht es im Kern um den Tod von Reinhold Messners Bruder Günther am so genannten deutschen Schicksalsberg. Es war der mit vielen internationalen Preisen bedachte Filmemacher Gerhard Baur, der an jenem 27. Juni 1970 als letzter die beiden Messner-Brüder gemeinsam gesehen hatte. Das war oben in Lager 5 auf 7350 Metern Höhe. Reinhold Messner brach zum Gipfel auf, sein Bruder Günther folgte ihm später.

Doch der Abstieg führte die beiden nicht über die Aufstiegsroute - die Rupalwand - sondern unvorhergesehen über die bis dahin unbestiegene Diamirflanke. Dabei kam Günther Messner ums Leben - unter bis heute nicht genau geklärten Umständen. Vilsmaiers Film, der sich ausdrücklich auf die Erinnerungen und Schilderungen von Reinhold Messner stützt, bezeichnet Baur als «einseitige Schwarz-Weiß-Sicht».

Vieles sei ungenau, manches sogar völlig unzutreffend oder bewusst verfälscht. «Man weiß nicht, ob man lachen soll, die Sache vom Tisch wischen oder verärgert sein soll», schildert Baur seine Gefühle. Und ist sich in dieser Einschätzung mit den anderen, noch lebenden Expeditionsmitgliedern weitestgehend einig. Ein «Zerrbild» werde beispielsweise von der Person Karl Maria Herrligkoffer gezeichnet, dem schon vor vielen Jahren gestorbenen Expeditionsleiter. Dieser erscheint in dem Streifen als regelrechter Despot, wie Baur meint. Er erkenne seinen Vater nicht wieder, beschwert sich auch Klaus Herrligkoffer und spricht von einer «schweren Ehrverletzung eines Toten».

Ermittlungsverfahren eingestellt

Hintergrund: Unmittelbar nach der Expedition hatte Messner mit Herligkoffer gestritten und ihn wegen unterlassener Hilfeleistung und gefährlicher Körperverletzung angezeigt. Doch die Staatsanwaltschaft München hatte das Verfahren 1972 eingestellt. Im Film freilich wird wieder subtil der Vorwurf erhoben, Herrligkoffer habe die Brüder zu früh aufgegeben. «Richtig aber ist, dass er alles für die damaligen Verhältnisse Mögliche getan hat, um zu helfen», nimmt Dokumentarfilmer Baur den 1991 verstorbenen Expeditionsleiter in Schutz.

Insgesamt, so Baur, werde auch die Gesamt- und Teamleistung der damaligen 18-köpfigen Expedition viel zu wenig gewürdigt: «Das Gesamtbild stimmt nicht», sagt er.

Als «ganz böse Sache» sieht der Sulzberger die Filmszene, in der die beiden inzwischen verstorbenen Expeditionsmitglieder Felix Kuen und Peter Scholz auf dem Gipfel stehend das Schicksal der Messner-Brüder nicht gerade bedauern, sondern sich selbst als Erstbegeher der Route sehen. Sie finden im Film einen Handschuh von Reinhold Messner und nehmen an, beide Brüder seien tot. «Da werden Menschen, die sich nicht mehr wehren können, verunglimpft», empört sich Baur.

Der Streit zwischen Reinhold Messner und den früheren Expeditionsteilnehmern war erst 2001 entbrannt, als Messner auch ihnen unterlassener Hilfeleistung vorwarf. Seitdem hat sich auch die Justiz in Zivilprozessen mit dem Inhalt von zwei Büchern über die Expedition von 1970 beschäftigt.

Messner und Vilsmaier betonen, es handle sich beim jetzigen Kinofilm um einen Spielfilm - der aber auf den Tatsachen beruht.

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