Mitfiebern statt Massieren

Von unserem Mitarbeiter Roland Wiedemann, Oy-Mittelberg - Schon nach wenigen Sätzen ist klar: Der Mann kennt sich nicht nur mit dem menschlichen Bewegungsapparat aus. Nein, John Langendoen-Sertel (50) ist auch ein absoluter Fußball-Experte. Wenn der in Faistenoy lebende Physiotherapeut über Stärken und Schwächen der niederländischen Mannschaft doziert, würde man seinen Landsleuten wünschen, er und nicht der umstrittene Dick Advocaat würde das Team bei der Europameisterschaft in Portugal betreuen. Aber als deutscher Fan ist man ja in diesen Tagen noch weiter als sonst davon entfernt, dem Oranje-Team alles Gute zu wünschen. Und deshalb ist es beruhigend, dass John Langendoen-Sertel vor dem Prestige-Duell am heutigen Dienstag gegen die DFB-Elf nicht an der Algarve, sondern im Oberallgäu weilt. Abgesehen von seinem Fachwissen könnte dieser Mann dem Bonds-Coach vor allem in medizinischer Hinsicht helfen. Langendoen-Sertel hat vor zwei Jahren bei der Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea die Waden der südkoreanischen Nationalspieler geknetet, Gesäßmuskel-Zerrungen und andere Wehwehchen kuriert. Mit Erfolg. Immerhin schaffte es der krasse Außenseiter bis ins Halbfinale, wo die Mannschaft von Guus Hiddink an Rudi Völlers Elf scheiterte. Über seinen Freund Pim Verbeek, Hiddinks damaligen Co-Trainer, war der Wahl-Allgäuer an den Job in Asien gekommen. Jener Pim Verbeek hat inzwischen beim Verband der Niederländischen Antillen angeheuert, weshalb John Langendoen-Sertel beinahe ein neues Abenteuer erlebt hätte. Nur weil der Fußball-Zwerg sich seine Dienste nicht leisten kann, sitzt er heute zu Hause vor dem Fernseher, anstatt in der Karibik die Beine der Antillen-Kicker vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Honduras zu massieren. Holland hätte das nötige Geld, vertraut aber den Fähigkeiten von Leo Echteld (alter Bekannter von John Langendoen-Sertel). Ruud Van Nistelrooy, Clarence Seedorf & Co. seien in guten Händen, so der Kollege im Allgäu. Er ist aber in Sorge um Eindhovens Flügelflitzer Arjen Robben, der an einer Oberschenkel-Zerrung laboriert. 'Der Schwachpunkt im holländischen Spiel sind sowieso die Außenpositionen', macht er den deutschen Fans Hoffnungen.

Kein System - Gegner verwirrt Ohnehin traut er der in der Heimat viel geschmähten DFB-Auswahl in Portugal einiges zu. 'Allerdings muss die Mannschaft die Probleme in der Abwehr in den Griff bekommen.' Dann könnte der Vize-Weltmeister von 2002 durchaus an die Erfolge in Asien anknüpfen, glaubt der 50-Jährige. 'In Japan und Südkorea haben alle versucht, das deutsche Spiel zu analysieren', erinnert er sich. 'Die Deutschen haben aber kein System, das macht sie so unberechenbar', ist das Fazit. John Langendoen-Sertel ist gespannt, ob das Team um Kapitän Oliver Kahn mit dieser ungewöhnlichen Taktik auch in Portugal weiterkommt. 1:1 lautet jedenfalls sein Tipp für heute Abend. Dabei ginge für den Holländer - anders als für viele seine Landsmänner - die Welt nicht unter, würde Dick Advocaats Elf im Estadio de Dragao als Verlierer vom Platz gehen. 'Ich kann doch nur gewinnen', meint er in Anspielung auf seine deutsch-niederländischen Familien-Verhältnisse. Rivalität hin, Rivalität her; John Langendoen-Sertel freut sich schon seit Tagen auf das Fußball-Fest in seinem Wohnzimmer. Der fußballverrückte Physiotherapeut, der seit 1988 in Kempten eine Praxis betreibt, erwartet zahlreiche Gäste - Deutsche und Holländer. Das hat Tradition. 1990, während der WM in Italien, war er erstmals Gastgeber eines deutsch-niederländischen Fußball-Abends. John Langendoen-Sertel musste damals mitansehen, wie die DFB-Elf im Achtelfinale seine Mannschaft in einer dramatischen Partie aus dem Bewerb warf. Aber es gab schon schlimmere Momente im Leben eines niederländischen Fans. 'Seit dem 1:2 im WM-Finale 1974 in München haben die Holländer ein Trauma', erinnert er sich. Ein Sieg heute Abend in Porto würde allenfalls eine Linderung, aber bestimmt keine Heilung bringen, glaubt John Langendoen-Sertel.

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