Keine Frage der Größe

Von Jürgen Gerstenmaier Die letzten Wochen hatten es in sich, eine wirtschaftliche Schreckensmeldung jagte die andere. Das Musical zahlungsunfähig. Mode Wagner zahlungsunfähig. Warenhaus Hager zahlungsunfähig. Fröschl wird verkauft, einige Standorte sind bedroht. Das sind nur die bekannteren Fälle. Daneben gab es viele, viele kleinere Betriebe, die unter die Räder kamen. Statistisch gesehen kostet jede Insolvenz rund vier Arbeitsplätze. Und statistisch gesehen trifft es eher die kleinen als die großen Firmen. Ab einer gewissen Größe, lautet ein geflügeltes Wort in Wirtschaftskreisen, müssen es sich die Banken sehr genau überlegen, ob sie es sich überhaupt noch leisten können, ein Unternehmen pleite gehen zu lassen. Warum trifft's aber so viele kleine Geschäfte, das Möbelhaus mit den zwei Angestellten, das von einer Familie betriebene Küchenstudio, das Lampengeschäft um die Ecke? Einmal ist da natürlich die oft mehr als dünne Eigenkapital-Decke. Läuft's auch nur einmal für kurze Zeit schlechter, stehen Fixkosten und Umsatz in keiner Relation mehr, die Reserven sind schnell aufgebraucht.

Die Luft geht aus, bevor die Wirtschaft irgendwann wieder anzieht. Nicht selten rechnet sich in wirtschaftlich halbwegs guten Zeiten manch Kleinunternehmer die Wirklichkeit schön, indem er etwa seine eigene Arbeitskraft nicht veranschlagt und nur so halbwegs jeden Monat auf eine schwarze Null kommt. Daraus Konsequenzen zu ziehen, hat jeder selbst im Griff. Was man aber nur sehr schwer beeinflussen kann, ist das Konsumverhalten als solches. Und das zeigt einen eindeutigen Trend. Die meisten Käufer setzen inzwischen nämlich auf eine relativ einfache Formel: Größe ist gleich billig, umso größer desto billiger. Schnäppchen gibt's demnach beim Filialisten - aber doch nicht beim Elektrohändler gleich gegenüber. Weil dieses Denken inzwischen bei vielen in Fleisch und Blut übergegangen ist, gibt man dem Kleinen erst gar keine Chance mehr, bei der nächsten Anschaffung das Gegenteil zu beweisen. Wer sich mit Leuten unterhält, die sich anders verhalten, hört manch Erstaunliches. Im Möbelhaus mit den zwei Angestellten kostete die Leder-Sitzgarnitur auch nicht mehr als beim Riesen-Super-Ober-Möbel-Giganten - nur die Beratung war freundlicher. Im Küchenstudio war niemand entnervt, obwohl man schon mit dem zehnten Änderungswunsch in der Planung daherkam. Und im Lampengeschäft um die Ecke stimmte nicht nur die Auswahl - das Aufhängen war im Preis gleich inbegriffen. So ist es natürlich nicht immer, die Formel Klein ist gleich gut ist ebenso falsch-pauschal wie die von Groß ist gleich billig. Die Beispiele sollen nur eines zeigen: Wer Service, Kompetenz und Freundlichkeit mit einem halbwegs stimmigen Preisniveau verbindet, hat gute Chancen, auch im härtesten Konkurrenzkampf zu überleben - ganz egal, wie groß oder klein er ist.

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