Juwel unter bayerischen Gebieten

Von Armin Dorner, Lindau - 'Der Kreis Lindau ist nun wieder ein Juwel unter den bayerischen Gebieten', jubilierte der bayerische Ministerpräsident Dr. Wilhelm Hoegner bei seinem Besuch am Bodensee, als er offiziell die 'Wiedervereinigung' des seit 1945 abgesonderten Kreises Lindau mit dem bayerischen Staat verkündete. Am 1. September 1955, also vor 50 Jahren, waren die Lindauer per Gesetz ('Lex Lindau') offiziell nach Bayern zurückgeholt worden. Allerdings wurde eine sieben Monate dauernde Übergangszeit vereinbart, weshalb erst Ende März 1956 die eigentliche Feier stattfand. Der Lindauer Kreispräsident Anton Zwisler (1888 bis 1977) musste seine weitreichenden Sonderrechte abgeben. Hoegner sagte, die Lindauer hätten sich 'immer zum bayerischen Vaterland bekannt', dem sie seit 1806 angehörten. Und Zwisler, mit dem Beinamen 'König von Lindavien' versehen, beteuerte, wenn auch mit Wehmut: 'Wir haben zehn Jahre lang gut zusammengehalten, haben uns unserer Selbständigkeit gefreut und sie genützt und sind immer gute Bayern geblieben'. Die Eingliederung in die französische Besatzungszone am Ende des 2. Weltkrieges bescherten dem Landkreis Lindau - heute der zweitkleinste in Bayern mit 76000 Einwohnern - im September 1945 eine engentümliche, staatsrechtliche Sonderstellung als sogenannter 'Bayerischer Kreis Lindau' mit einem Kreispräsidenten als oberster Verwaltungsbehörde. Die Militärregierung von Württemberg ernannte zunächst im Sommer 1946 Oskar Groll, der jedoch nach zwei Tagen starb; es folgte Anton Zwisler, ein gebürtiger Bregenzer, der einer alteingesessenen Lindauer Unternehmerfamilie entstammte. Die bayerische Staatshoheit war aufgehoben. Unter 'Anton dem Sanftmütigen' wie die Lindauer Zwisler liebevoll nannten, erlebte der Landkreis neun gute Jahre. Der Kreispräsidentwurde mit der Staatsoberaufsicht über sämtliche Ämter der Reichs- und Landesbehörden betraut.

Er allein war befugt, Recht zu setzen. Das Kreispräsidium war den provisorischen Regierungen der französischen Zone gleichgestellt. Je nach Zweckmäßigkeit wurden südwürttembergische oder bayerische Verordnungen und Gesetze angewendet, ohne gesetzgebende Volksvertretung, lediglich mit einem 'beratenden Ausschuss' zur Seite. Das Gremium war nicht demokratisch legitimiert. Der Landkreis stellte seit 1950 einen Abgeordneten für den bayerischen Landtag. Zwisler verstand sich als Treuhänder der bayerischen Landesregierung. Das Landgericht, ein Arbeitsgericht und ein Finanzgericht gehörten zu den staatsrechtlichen Besonderheiten in den Übergangsjahren. Steuern und Zölle flossen in die Kreiskasse, was nicht unerheblich zu der schnellen wirtschaftlichen Blüte beitrug. Noch heute hat der Landkreis eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten. Geringfügige Kriegszerstörungen, intakte Produktionsanlagen (Nestlé, Tabak Brinkmann, Kraft Velveta, Hutindustrie) und gute bäuerliche Nahrungsmittelversorgung taten ein übriges. Weiteren Geldsegen brachte die 1950 errichtete Spielbank. Ein weiteres Kuriosum war die bis vor eineinhalb Jahren selbständige Industrie- und Handelskammer. Die Nobelpreisträgertagungen begannen in diesen Jahren, Lindau erhielt Einrichtungen wie Eisstadion, Stadttheater oder Musikschule. Wohnungen, Schulen und Sportstätten konnten gebaut werden. Für den Landkreis Lindau war es wirklich eine 'gute, alte Zeit'.

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