Irgendwann denkt man, dass man doof ist

Unterallgäu (sdo). - Im Unterricht beobachtet Katharina oft die Fliegen an der Wand. Wie sie sich putzen, wie sie kurz sitzen bleiben, weiterfliegen, sich wieder an die Wand setzen. Aus Langeweile. Der Lernstoff langweilt sie, nachdem sie ihn das erste Mal gehört hat. Die Details, die sie eigentlich zusätzlich wissen möchte, werden ihr mit einem Hinweis auf die Mitschüler nicht genannt. Die 13-Jährige ist hochbegabt. Glücklich ist Katharina nicht immer darüber. Früher habe sie nachmittags oft geweint, erzählt ihre Mutter, Marlene Mayer. 'Man wird geärgert, weil alle glauben, dass man anders ist als normale Kinder', sagt Katharina. Und weil sie die Gespräche Gleichaltriger oft oberflächlich findet, stehe sie als hochnäsig da. 'Irgendwann denkt man, dass man doof ist.' Weil Hochbegabte häufig nur durchschnittliche Zensuren bekommen, wird ihnen oft Unverständnis entgegengebracht. Die landläufige Meinung ist, dass Hochbegabte automatisch auch Einser-Schüler sein müssen. Dass dies nicht so ist, liegt laut dem Neugablonzer Kinderpsychotherapeuten und Schulpsychologen Norbert Jäntschi daran, dass Hochbegabte sich im Unterricht langweilen und enttäuscht sind, weil sie dort nicht erfahren, was sie sich erhoffen und wissen wollen. Dann schalten sie ab und interessieren sich nicht mehr für den Lernstoff. Nicht selten müssen sie eine Klasse wiederholen.

Nur drei Prozent der Bevölkerung sind hochbegabt - genauso viele Menschen sind laut der Deutschen Gesellschaft für Hochbegabung minderbegabt oder geistig behindert. Viele hochbegabte Kinder werden verkannt, statt dessen wird ihnen von Fachleuten Hyperaktivität oder das Aufmerksamkeits-Defizitsyndrom diagnostiziert. Die entsprechende Förderung fehlt. Bei Katharinas 23-jährigem Bruder Tobias ging das so weit, dass er letztlich eine Förderschule besuchen musste. In der ersten Klasse beteiligte sich der verhaltensauffällige Bub nicht am Unterricht, er sollte nach drei Monaten auf die Sonderschule und musste die erste Klasse wiederholen. Erst im Alter von 21 Jahren wurde seine besondere Intelligenz festgestellt. Ein Merkmal für Hochbegabung sei, dass die Kinder eine wesentlich schnellere Entwicklung als Gleichaltrige durchlaufen, erklärt der Psychologe. Themen, die normalerweise erst ältere Kinder interessieren, werden von ihnen früh gründlich hinterfragt. Mit drei Jahren wollte die heute 13-jährige Eva aus der Nähe von Kaufbeuren etwa wissen, wie sich die Menschen entwickelt haben. Ihre Mutter musste ihr daraufhin ein Buch über Frühmenschen vorlesen. In der zweiten Klasse wurde Evas Hochbegabung getestet, heute lernt sie Chinesisch und sechs Instrumente. Den objektivsten Hinweis auf eine Hochbegabung liefert laut Jäntschi ein Intelligenztest: Ab einem IQ von 130 gilt man als hochbegabt. Um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen und zu erreichen, dass hochbegabte Kinder genauso gefördert werden wie minderbegabte, haben Marlene Mayer und Sabine Hartmann im Frühjahr die allgäuweite Selbsthilfegruppe 'Intellegemus' gegründet. Sie wenden sich damit an Eltern unterforderter und hochbegabter Kinder. i Am heutigen Freitag, 25. Juni, referiert Autor Wolfgang Krebs ab 20 Uhr im Memminger Hotel Hiemer beim nächsten Treffen der Selbsthilfegruppe. Thema sind Entspannungstechniken. Informationen geben Sabine Hartmann unter (08341) 40058 oder Marlene Mayer unter (08269) 960885.

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