Inspiriert vom Propheten

Von unserem Mitarbeiter Albert Hefele, Kempten - Dass man sich bei den Konzerten, die in der Sing- und Musikschule stattfinden, nicht wundern darf, ist nichts Neues. Am Montag war vermutlich zum ersten Mal ein Trio zu hören, das sich von prophetischen Visionen inspirieren ließ. Ezechiels Visionen, um genau zu sein. Ein israelischer Prophet, der berühmt ist für die Kraft seiner Bilder, für die beeindruckende Wucht seiner Visionen. Visionen von der Art, dass man ihn heutzutage wohl deswegen in ärztliche Obhut geben würde. Zur musikalischen Inspiration gibt das Material aber einiges her. Das Trio von Greg Wall profitierte jedenfalls hörbar von Ezechiel. Das, was da von der Bühne kam, war ebenso dynamisch wie die Vorlage. Es beeindruckte aber vor allem und in erster Linie durch seine Authentizität. Der Saxofonist Greg Wall und seine Kollegen Shal Bachar an den Keyboards und Aaron Alexander an den Drums, sind Juden. Mit allen Konsequenzen. Was beispielsweise bedeutet, nur nach den rituellen Speisegesetzen zu essen. Es heißt für die 'Later Prophets', wie sie sich nennen, aber auch, sich im Rahmen ihrer Musik mit traditionellen musikalischen Formen und religiösen Themen auseinanderzusetzen. Wohlgemerkt: das machen nicht nur Juden, die großen schwarzen Jazzmusiker haben sich diesem Thema nicht weniger intensiv gewidmet. Lediglich die Form der jüdischen Musiker ist für uns ungewohnt. Die Vertreter der reinen Lehre werden wohl etwas zusammenzucken. Klezmer und Blues - kann man das vermischen? Dürfen die das? Klar dürfen die das. Jazz definiert sich im Wesentlichen dadurch, dass man alles darf. Vor allem dürfen es natürlich Musiker, die mit einer solchen Kompetenz ausgestattet sind. Erstklassige Leute, die alles spielen können und die vor nichts zurückschrecken.

Auf der Suche nach Identität Jazz kann beispielsweise auch lustig sein und Aaron Alexander ist ein wirklich humorvoller Schlagzeuger. Obwohl er gar nicht so aussieht, ebenso wenig wie man dem schülerhaft wirkenden Shal Bachar auf den ersten Blick die professionelle Raffinesse ansieht, die ihn auszeichnet. Der Kopf des Ganzen ist, in jeder Phase spürbar, der New Yorker Greg Wall - integraler Bestandteil der 'Radical new Jewish music', die sich um Musiker wie John Zorn und Frank London, Gruppen wie Hasidic New Wave oder Klezmatics gebildet hat. Jüdische Emigranten der zweiten und dritten Generation, auf der Suche nach ihrer Identität. Greg Wall ist einer der wichtigsten Protagonisten dieser neuen jüdischen Musik. Weil er alles hat, was man dafür braucht: genügend Wut, genügend Traurigkeit, genügend Lebensfreude. Dann kann starke, tief inspirierte Musik entstehen, die auch Ezechiel gefallen hätte.

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