Kreuzthal
Hilfe für elternlose Mädchen und Jungen

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Ruanda, ein Dorf im Westen des Landes: Die Frau eines Farmers stirbt, er ist von nun an mit seinen Kindern alleine. Hilfe vom Staat gibt es für ihn nicht. Dann wird auch noch seine Tochter schwanger, ohne einen Vater vorweisen zu können. Eine Mutter ohne Mann ist in Afrika eine Schande. Sie bringt das Baby alleine auf die Welt, wirft es zunächst panisch in eine tiefe Latrine, bittet dann aber weinend den Vater um Hilfe. Der fährt mit dem Baby in eine Krankenstation. Als er wieder zurückkommt, ist seine Tochter verblutet - und das Baby, das er in den Armen hält, eines von vielen Waisenkindern in Afrika.

Vor fünf Jahren hat sich diese tragische Geschichte ereignet. Das Baby von damals hört auf den Namen Perla und lebt im Dorf Kigarama, das die Kinderhilfe LEsperance aufgebaut hat. «Jeder Bub und jedes Mädchen dort», sagt Matthias Kowoll, «hat seine eigene Geschichte. Der 47-jährige Kowoll führt die Geschäfte dieses Kinderhilfe-Vereins mit Sitz in Kreuzthal bei Buchenberg (Oberallgäu).

Seit achteinhalb Jahren macht er diese Arbeit. Im Dienste armer Kinder ist er aber noch länger tätig. Gründer von «LEsperance Kinderhilfe» war Kowolls Vater im Jahre 1983, und wenn sich der Sohn und Geschäftsführer an die ersten Schritte des Vereins erinnert, der inzwischen fünf Projekte (in Äthiopien, Uganda, Ruanda, Brasilien und Bolivien) auf die Beine gestellt hat, dann klingt das nicht nur spannend, sondern auch sehr abenteuerlich.

Vater Paul Kowoll, damals Mitte 40 und Frührentner, trieb in Zeiten der akuten Welt-Hungersnot vor allem der humanistische Gedanke, Hilfe zu leisten in armen Ländern. Sein Ziel war Afrika. Er verkaufte einige seiner Schafe, um den Flug dorthin zu finanzieren, lieh sich die Bundeswehrstiefel seines Sohnes aus und machte sich mit einem Rucksack auf dem Rücken und der Zusage einiger Freunde, gegebenenfalls finanzielle Hilfe zu leisten, auf den weiten Weg.

Jedes Dorf finanziert sich selbst

Dort angekommen, ging alles Schlag auf Schlag: Kowoll bat die Staatsvertreter um ein Stück Land, verbunden mit dem Versprechen, ein Dorf für Waisenkinder zu errichten - und bekam es tatsächlich kostenlos. Zunächst wurden Zelte aufgeschlagen, danach entstanden Lehmhütten. Heute wohnen die Menschen in stabilen Häusern.

Was Paul Kowoll 1983 aus dem Nichts heraus anfing, ist heute ein weit verzweigtes christliches Kinderhilfswerk mit fünf Projekten, einem sechsköpfigen Vorstand und 103 Angestellten, die vor Ort in den Dörfern wichtige Arbeit leisten. Zum Beispiel Lehrer, die in den eigenen Schulen die Kinder unterrichten. Oder Fachleute, die Werkstätten leiten zum Schneidern, zur Holz- und Metallbearbeitung, die Kinder ausbilden in Maschineschreiben und EDV oder sie einweisen in Geheimnisse des Acker-, Garten- und Obstbaus, der Milch- oder Forstwirtschaft.

«Die Arbeit geht nicht aus», sagt Matthias Kowoll. Damit auch das Geld nicht ausgeht, sind die Projekte nach diesem Prinzip angelegt: Jedes Dorf muss sich selbst finanzieren.

Im äthiopischen Dorf Akaki Beseka beispielsweise gibt es eine Schule, die einen sehr guten Ruf besitzt, weshalb betuchtere Familien aus der Umgebung ihre Kinder dorthin schicken. «Die bezahlen Schulgeld», erklärt Kowoll, «das im Dorf an anderen Stellen wieder eingesetzt wird.»

Ein Prinzip, das auch BAP-Sänger Wolfgang Niedecken beeindruckte. Der besuchte im Rahmen seiner Tätigkeit als Afrika-Beauftragter vor geraumer Zeit eines der LEsperance-Dörfer und war davon laut Kowoll sehr angetan.

Hilfe zur Selbsthilfe: Das sei von Beginn an das Credo seines Vaters gewesen, sagt Matthias Kowoll, der seit achteinhalb Jahren im Allgäu lebt und die intakte Natur hier genießt. Drei- bis viermal im Jahr fliegt er nach Afrika oder Südamerika, um die Dörfer und ihre Einwohner zu besuchen und um vor Ort zu helfen.

Wenn er wieder zurückkehrt ins Allgäu, weiß er vor allem eines: «Uns geht es hier verdammt gut.»

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