Kempten
«Gott kann doch nicht wollen, dass alle tot sind»

Die Hoffnung ist 14-stellig. 00509Venita Zillner schluckt, während sie mit leiser Stimme nacheinander die Ziffern aufsagt. Es ist die Handynummer ihrer Tochter Nancy. Die 26-Jährige lebt in Port-au-Prince. Seit dem verheerenden Beben vor über einer Woche gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihr.

Nur mühsam kann die 51-jährige Venita ihren Blick vom Handy abwenden, zu bang wartet die Haitianerin seit Tagen auf Nachricht. Dann berichtet sie das Wenige, was sie überhaupt über das Schicksal ihrer Familie im fernen Haiti weiß. Von einer Freundin ihres Bruders, die in den USA lebt, hat sie einige bruchstückhafte Informationen erhalten. «Meine Mutter ist tot. Das ganze Haus ist zusammengebrochen. Meine Tochter lebt offenbar und hat ein kaputtes Bein.»

Stockend kommen die Worte aus dem Mund der 51-Jährigen. Die Hände sind ineinander verkrampft, in ihrem Gesicht steht die Erschöpfung der vergangenen durchwachten Nächte. Neben ihr in dem kleinen Wohnzimmer in der Kemptener Altbauwohnung sitzt Helena Küchle-Magloire, ihre jüngere Schwester. Auch ihr Blick ist gesenkt, während sie Worte sucht für das, was die beiden seit Tagen durchmachen.

Insgesamt 58 Menschen aus Haiti leben in ganz Bayern. In Kempten gibt es nur Venita, Helena und ihre Kinder. Beide Frauen kamen vor zehn Jahren nach Deutschland. Auf der Suche nach einem besseren Leben hatten sie deutsche Männer geheiratet. Später holten sie auch einige ihrer Kinder aus Haiti zu sich. Als beide Ehen scheiterten, zogen die Schwestern zusammen ins selbe Mehrfamilienhaus in Kempten. Seit dem Beben haben sie sich nicht einmal mehr für die Nacht getrennt. In der Dunkelheit ist die Angst noch größer, das Gefühl der Isolation übermächtig.

Nancy, Jean Eddy, Junior, Delene, Ermina, Polene - viele Namen haben Venita und Helena in die Internetliste des Internationalen Roten Kreuzes eingegeben. Derzeit praktisch die einzige Möglichkeit, mehr über Verwandte in Haiti zu erfahren. Auch die haitianische Botschaft in Berlin kann Betroffenen kaum weiterhelfen. «Immer und immer wieder anrufen», lautet der einzige Rat einer Botschaftsmitarbeiterin.

Tausende Namen sind inzwischen in den Internetlisten verzeichnet, bei den meisten steht «status: unknown», Status: unbekannt. «Wir haben im Fernsehen gesehen, wie die Leichen inzwischen mit Traktoren abtransportiert und irgendwo im Wald in ein Loch geschmissen werden», sagt Helena und wird von Grauen geschüttelt. Was mit dem Körper ihrer toten Mutter geschehen ist, wissen die beiden Frauen nicht.

Niemanden erreicht

Und dann ist da noch dieser Gedanke, den sie am liebsten aussperren würden aus ihren Köpfen: «Vielleicht ist nicht nur unsere Mutter tot, sondern alle. Über eine Woche - und niemanden haben wir erreicht.»

Die Familie von Venita und Helena ist groß. Sieben Kinder hat ihre Mutter in dem kleinen Haus in Port-au-Prince großgezogen, die meisten haben inzwischen selbst Kinder. An Neujahr hatten Venita und Helena noch mit ihrer Mutter telefoniert. Die ganze Familie war zu diesem Zeitpunkt bei ihr zu Besuch - wie immer um Weihnachten. «Mein Gott, die waren alle noch da letzte Woche, als» Helena schlägt sich die Hand auf den Mund. Nur diesen Satz nicht vollenden, nicht sagen: «..als das Haus über ihnen zusammenbrach.»

Ein Funken Hoffnung

Denn einen Funken Hoffnung gibt es noch. Venita klammert sich an diesen einen Moment, als sie wieder einmal die Nummer ihrer Tochter gewählt hatte. Ein «Hallo» glaubt Venita gehört zu haben, bevor die Verbindung nur Sekunden später wieder abbrach. «Einer, nur ein Einziger von unserer Familie muss doch am Leben sein», sagt Helena leise. «Gott kann doch nicht wollen, dass alle tot sind.» Die Tränen laufen über ihr Gesicht. «Momentan», sagt sie dann, «sind wir nur noch Hüllen, die funktionieren müssen. In unseren Köpfen dreht sich alles.»

Der Blick geht wieder zum Handy auf dem Tisch. Venita und Helena hoffen auf ein Klingeln - und fürchten sich gleichzeitig davor.

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